Reiki - eine spirituelle Disziplin

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Geschrieben von Krishna Kloers   
Donnerstag, 20. September 2007

Reiki-MeisterWas heißt das? Reiki ist nicht allein eine Heilmethode, sondern auch eine spirituelle Disziplin. Und eine spirituelle Disziplin ist ein Übungsweg. Der traditionelle Weg einer spirituellen Disziplin beginnt immer mit einer Initiation, einer Einweihung. Diese bewirkt eine Öffnung zum kosmischen Bewusstsein, eine Öffnung der eigenen Energiekanäle. So auch bei Reiki. 

Die Absicht der Initiation ist es, das Bewusst-Sein und damit die Wahrnehmung zu erweitern. Sie eröffnet uns Zugang zu anderen Wahrnehmungsbereichen - häufig jenseits der Grenzen des Verstandes. Die tiefe Verbundenheit unter den Teilnehmern eines Reiki-Seminars oder während eines gemeinsamen Reiki-Austausches kommt durch die Einweihung und das Praktizieren von Reiki, das Üben zustande.

Einer meiner Seminarteilnehmer hat diesen Zustand auf folgende Weise beschrieben: „Plötzlich fühlte ich eine Liebe für alle Anwesenden, ohne Unterschied.“ Da spricht nicht der Verstand, der ständig urteilt, abschätzt, vergleicht. Da spricht eine Kraft, ein Bewusstseinszustand, der über die normale, begrenzte Sicht der Dinge hinausgeht.

Jede Disziplin, ob Kampfkunst oder Heilkunst, hat eine spezifische Methode entwickelt, die gelehrt wird. Im Usui-System der Reiki-Heilung, japanisch Usui Shiki Ryoho, besteht die Grundtechnik aus der Ganzbehandlung mit jeweils vier Positionen für den Kopf- und Oberkörperbereich und fünf für den Rücken. Man lernt die vorgegebenen Abläufe, hier die Grundpositionen, die geübt werden, bis sie verinnerlicht sind. Sie sind das Grundgerüst jeder Behandlung, die »homebase«, die dem Praktizierenden Sicherheit gibt. Von da aus kann sich ein Gespür für die Energiequalität der Reiki-Kraft entwickeln. Reiki entfaltet seine wohltuende Wirkung, wenn es sorgfältig und kontinuierlich angewandt wird. Wie jeder spirituelle Weg verlangt Reiki Geduld, Hingabe und Vertrauen.

 

Heilungsprozesse verlaufen schubweise, sprunghaft: anfangs kann es enorm schnell gehen. Insbesondere auf der körperlichen Ebene sind häufig Spontanheilungen zu beobachten. Später kann das Gefühl entstehen, zu stagnieren, ja manchmal sogar zurückzufallen. Dann höre ich Kommentare wie: „Also Reiki funktioniert nicht“, „,.. zumindest nicht so, wie ich mir das vorgestellt habe“, „Ich habe das Vertrauen in Reiki verloren ...“ Durchaus nachvollziehbar.

Wir, als vom Fortschritt gehetztes Volk, müssen ständig Fortschritt und Optimierung produzieren. Aber das Leben ruht auch einmal, und Trennungs-und Sterbeprozesse sind ebenso natürliche Bestandteile des Lebens. Alles muss immer schneller, immer besser werden. Wie die Wirtschaft, so sind auch wir programmiert. Diese Devise lässt Stress entstehen, führt zu nicht einzuhaltenden Ansprüchen, und trägt schließlich mit zur Entstehung von Krankheiten bei. Es bedarf einer gewissen Standfestigkeit, eben einer Disziplin des Übens. Nur diese bildet auf die Dauer das Vertrauen in Reiki und in uns selbst, das uns durch Krisen trägt. Eines sollten wir uns bewusst machen; Heilungs- und Wachstumsprozesse sind ohne die Erfahrung von Leid und Schmerz nicht möglich. Reiki ist kein Penicillin.

Die Lebensregeln

Im Usui-System gehören die fünf Lebensregeln ebenfalls zum Übungsweg. Sie geben die geistige Struktur vor, in der wir Reiki anwenden. Eine spirituelle Disziplin gibt immer Richtlinien vor, ob sie einem nun gefallen oder nicht - es ist so. Mir selbst haben die Reiki-Lebensregeln jahrelang auch nicht gefallen. Ich habe mir viel Mühe gegeben, sie zu ignorieren. Bis mir nach und nach aufging, welch einen Schatz sie darstellen.

Gerade heute sorge dich nicht. Das klingt einleuchtend, Es bedeutet aber nicht, dass wir uns als Reiki-Praktizierende keine Sorgen mehr machen dürfen, machen sollen. Auch hier geht es wieder nur Schritt für Schritt. Der erste Schritt kann sein, zu bemerken, wie häufig und worüber wir uns täglich sorgen. Wie fühle ich mich, wenn ich mir Sorgen mache? Womit beschäftigt sich mein sorgenvoller Verstand? Dieses rastlose Etwas von Verstand, das bereits den größten Teil meines Lebens kontrolliert. Warum mache ich mir eigentlich Sorgen? Als ich diese Gewohnheit endlich einmal hinterfragt hatte, erkannte ich schlagartig die Antwort: Weil es mir an Vertrauen fehlt! Also könnte ich doch mal in meinem Leben schauen, wo ich vertraut habe. Welche Vertrauenserfahrungen habe ich gemacht? Wo vertraue ich mir selbst? Wann habe ich mich vom Leben getragen gefühlt? Diese Erfahrungen zu reaktivieren, stärkt und bringt Heilung.

Es transformiert den niedrigen Energiezustand des Sich-Sorgen-Machens in einen höher schwingenden, in dem wir mehr und mehr in unserem Heil-Sein, unserem Ganz-Sein sind.

Gerade heute ärgere dich nicht. Diese Lebensregel ist für manchen einen eine fast noch größere Herausforderung, Noch lieber als uns Sorgen zu machen, ärgern wir uns. Es ist eine Angewohnheit, die aufzugeben mich wirklich an meine Grenzen bringt. Mir zeigt es stets, dass ich Unabänderliches nicht annehmen will. Einige Beispiele aus dem Alltag: Der Bus ist weg, weil der Busfahrer überpünktlich abfährt. Dass ich zu spät von zu Hause losgegangen bin, steht auf einem anderen Blatt. Die Waschmaschine bleibt immer mitten im Programm stehen, weil mein Partner sie nicht repariert, obwohl ich es ihm schon x-mal gesagt habe.

Schuld daran sind immer die anderen. Dieses Schema funktioniert im Leben mit Reiki nicht mehr so gut. Wir übernehmen mehr Verantwortung dafür, was uns und in unserer Umgebung geschieht - Schritt, für Schritt. Als Phyllis Furumoto bei der letzten Reiki Alliance Konferenz in Portland über die Lebensregeln gesprochen hat, sagte sie: »Gib dir Anerkennung für deine Geduld und den Mut, den du aufbringst, dich täglich mit diesen Prinzipien zu konfrontieren.«

Ja, das tut mir gut, gibt mir Momente zu verweilen, die Wertschätzung meiner selbst zu kultivieren. Reiki zu praktizieren heißt nicht, besser zu funktionieren oder heilig zu werden, sondern ehrlicher mit sich selbst zu sein, mehr Erkennen in unser Leben zu bringen, unsere Mechanismen zu durchschauen. Damit wir zum Beispiel nicht bei den geringsten Anlässen in die Luft gehen.

Reiki zu üben, es anzuwenden, bedeutet, das Bewusstsein der eigenen Heilung ständig vor Augen zu haben und diese in den Alltag zu integrieren.

Ehre deine Eltern, deine Lehrer und deine Nachbarn. Dies ist eine besonders starke Übung, Ja, ich ehre meine Eltern. Dafür dass sie mir das Leben geschenkt haben. Als ich mich eine Zeit lang im Zusammenhang mit dieser Lebensregel fernbehandelt habe, Reiki in meine Beziehung zu meinen Eltern habe fließen lassen, stellten sich Bilder von großer Stabilität ein, die im Laufe der Meditation in heitere Bewegung übergingen. Bei meiner Beziehung zu den Eltern war zentraler Gedanke: Trachte danach zu verstehen. Das stellt die Beziehung auf eine ganz andere Basis.

Die Lehrer sind für mich weniger die Lehrer in der Schule, sondern meine spirituellen Lehrer, die mich auf dem oft steinigen Weg der Erkenntnis mit ihrer Geduld, Liebe, ihrer Einsatzbereitschaft und ihrem Humor begleiten. Sie haben meinen Respekt und meine Anerkennung. Das Vertrauen in sie befähigt mich, wieder Laufen zu lernen, eigene Wege zu gehen, ja den eigenen Weg wieder zu finden. Wie das Vertrauen zur Mutter, zum Vater, deren Zuspruch die ersten selbständigen Schritte als Kleinkind ermöglicht haben.

Manchmal spiegelt mir der Lehrer auch unangenehme Seiten von mir, legt seinen Daumen auf Wunden - das zählt zu seinen Aufgaben, und auch oder gerade dafür hat er meinen Respekt. Einziges Kriterium dabei: Es muss der Förderung meiner Freiheit und Eigenverantwortung dienen. Ein Lehrer, der den Schüler nicht zur Freiheit führt, verdient diese Bezeichnung nicht.

Die Nachbarn, oder wie es in anderen Übersetzungen der dritten Lebensregel steht, die Älteren, sind für mich meine Mitmenschen. Der viel beschworene Frieden im Großen wie im Kleinen stellt sich nur ein, wenn jeder versucht, den Anderen in seiner Andersartigkeit zu achten, in seinen Ansichten, seinem Handeln. Achten soll heißen, ihn zu verstehen, nicht die Meinung teilen zu müssen. Das ist nicht immer einfach. So gab es vor Jahren einen Meister im deutschen Reiki-Meister-Forum, der Mitglied bei der Republikanischen Partei war. Dies führte zu heftigen Auseinandersetzungen und letztendlich zu der Frage, was heißt Deutscher-sein für uns, für mich? Auch hier galt es zu beobachten, aus welchen Gründen wir so heftig darauf reagieren, wenn ein anderer Meister sein Deutsch-Sein auf diese Weise in den Mittelpunkt stellt. Das Hinterfragen unserer selbst ging damit einher. Wo ist mein Wortschatz gewalttätig, diskriminierend, steht der Kritiker »Gewehr bei Fuß«?

Nicht unerwähnt lassen möchte ich eine Ausführung der dritten Lebensregel nach Hawayo Takata: Zähle deine Segnungen. Das Erinnern dieses Hinweises hilft mir, das Schöne, die vielen kleinen täglichen Geschenke wahrzunehmen: das nette Gespräch mit meiner Nachbarin; die spontane Umarmung durch meine Tochter, die mich aus meinen - schon wieder sorgenvollen - Gedanken gerissen hat; die Einladung zum Abendessen; der unerwartete Anruf einer alten Freundin und der herzliche und inspirierende Kontakt, den wir hatten...

Die Segnungen von Reiki sind unzählbar, und das Gute ist, sie nehmen kein Ende.

Verdiene dein Brot ehrlich. Scheint auf den ersten Blick unproblematisch. Schließlich sind wir keine Waffen- oder Drogenhändler. Aber heimsen wir nicht doch ab und an kleine unehrliche Vorteile ein und verdrängen sie sofort? Was tun, wenn die Kassiererin im Supermarkt mir zuviel Wechselgeld herausgegeben hat? Soll sie doch aufpassen, spricht das innere Teufelchen. Und Schwarzfahren macht schließlich Spaß, oder?

Dieses Lebensprinzip beschränkt sich meiner Meinung nach nicht nur auf den Gelderwerb durch unsere Hände und unseres Kopfes Arbeit. Sie bezieht sich auf die Lebensführung schlechthin. In einer Gesellschaft, in der jeder jeden über den Tisch zu ziehen scheint und in den seltensten Fällen gemaßregelt wird, stellt es eine permanente Herausforderung dar, nicht diesen "allgemeinen Gepflogenheiten" zu entsprechen. Wie hält man es mit diesem Prinzip im Umgang mit dem Finanzamt? Je unpersönlicher und institutioneller die Herausforderung, desto mehr Wachsamkeit und Ehrlichkeit ist gefordert. Disziplin auf allen Ebenen ist nicht immer einfach.

Sei liebevoll zu allem, was lebt. Diese Lebensregel, wie ich sie bei Takata gefunden habe, schließt alles Lebendige mit ein. Eine Aufforderung, alles anzunehmen, bedingungslos. Da fällt mir eine schöne Geschichte ein, die ich in Curacao von zwei Reiki-Meistern gehört habe. Diese beiden haben Nachbarn, die ihre Anwesenheit mit lauter Musik zur Schau stellen, mit lautstarken Zänkereien und lärmenden Grillfesten, bei denen Schwaden von Schweinefett in ihr geöffnetes Wohnzimmer und den Reiki-Raum ziehen. Nachdem sich die beiden Reiki-Meister schon häufig über die Beeinträchtigungen durch ihre Nachbarn geärgert hatten, beschlossen sie den Versuch, ihnen Reiki zu schicken, wann immer sie ein Reiki-Seminar oder Treffen hatten. Der Erfolg war verblüffend: die Zänkereien hörten auf, der Ghettoblaster wurde einige Dezibel herunter gedreht. Eines der vielen Reiki-Wunder!

Eine schöne Erfahrung habe ich selbst mit einem kläffenden Hund in meiner Nachbarschaft gemacht. Während der Fernheilung wurde mir bewusst, dass dieses Tier einfach zu wenig menschliche Ansprache und Anteilnahme bekommt. Also bellt der Hund, um zu zeigen, dass er lebt, dass es ihn gibt. Umsorgte Hunde schlagen nur selten an, zumeist nur, wenn sie Gefahr wittern.

Indem ich etwas für andere tue, ob Mensch, Tier oder Pflanze, tue ich auch immer gleichzeitig etwas für mich. Im Fall des kläffenden Nachbarhundes anerkenne ich mein Bedürfnis nach Ruhe. Reiki ist kein Hexenwerk, der Nachbarhund bellt immer noch - nur manchmal etwas fröhlicher - so scheint es mir.

Zum Abschluss sei gesagt: Würde ich in einem Monat über das Praktizieren und die Lebensregeln schreiben, kämen mit Sicherheit nicht die gleichen Zellen zu Papier. Eine neue Erfahrung, eine neue Einsicht, eine neue Selbsterkenntnis würden zu Änderungen oder Ergänzungen rühren. Diese Betrachtungen sind als Anregung gedacht, kein Kanon der rechten Reiki-Lebensführung.

 

Dieser Beitrag erschien erstmals im Reiki-Kalender 1998 der edition treves, Trier. Mit freundlicher Genehmigung und leicht überarbeitet von Krishna Kloers (siehe Autorenliste), Reiki-Meisterin in Freiburg

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