Jakob Bösch: Versöhnen und Heilen

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AT-Verlag, 2008, 292 Seiten, 19,90 €

Der Schweizer Mediziner und Wissenschafts­autor Jakob Bösch hat erneut
einen grenzübergreifenden Spagat gewagt und stellt diesen in seinem
aktuellen Buch „Versöhnen und Heilen“ vor. Der Autor möchte einen
Einklang zwischen „Spiritualität, Wissenschaft und Wirtschaft“
herstellen, wie der Untertitel seines Werks ankündigt. Er möchte „die
Verbindung zwischen Naturwissenschaft und Spiritualität stärken und ein
Auseinanderdriften bremsen.“

Das klingt nach der Qualität, die man als
Leser von Jakob Bösch gewohnt ist. Auch sein Anliegen, den Menschen die
Wahrnehmung über das Herz zu vermitteln, macht neugierig.
Das Buch zerfällt in drei qualitativ unterschiedliche Abschnitte.

Der erste Abschnitt fußt auf der zentralen These der Quantenphysik: alles sei mit allem verbunden, es gebe keine Trennung. Dabei benennt Bösch mit vielen Kronzeugen die „treibende Kraft sowohl des Lebens wie des physikalischen Universums“. Zudem erläutert er aus einem ungewohnten Blickwinkel das Resonanzprinzip und dessen Wirken. Das ist alles sehr interessant und spannend und führt zu der Frage, wie der Autor seine Erkenntnisse auf die Verknüpfung von Wirtschaft und Spiritualität anwendet. Denn größere Gegensätze als diese beiden kann man sich kaum vorstellen. Eine Ausnahme gäbe es, in der beides miteinander verknüft ist: die calvinistische Theologie, welche das religiöse und wirtschaft­liche Leben in der Schweiz, Jakob Böschs Heimat, geprägt hat und wohl noch prägt. Kurz gesagt ist demnach jeder wirtschaftlich Erfolgreiche sichtbar von Gott gesegnet. Bösch hat als Kind in diesem „protestantischen Christentum einen Anker gefunden“ und sich später freimachen können, wie er schreibt, besonders von dem alten, grausamen Gottesbild, das es vermittelte.

Doch ganz gelingt ihm das nicht, das zeigt seine starke Hervorhebung der Angst machenden Elemente im Christentum und die im Gegensatz dazu idealistisch gefärbte Betrachtung der Atheis­ten. So nimmt er im Kapitel „Freiheit – Urgrund aller Liebe“ an, dass christlich erzogene Menschen vor allem aus Angst vor Verdammnis lieben und Atheisten „möglicherweise eher eine Chance [haben], den unauslotbaren Glanz der göttlichen Liebe um der Liebe selbst willen zu begreifen.“ Da­rüber könnte man trefflich streiten.

Kapitelüberschriften wie „Spirituell durch Wut und Eifersucht“ oder „Die Kraft im Ego“ sind Programm. Hier erweist sich der Autor als jemand, der hinter die Fassaden blickt und sich nicht mit Floskeln abspeisen lässt. Insbesondere das „Ego“ wird anders betrachtet und definiert als in der Esoterik oder dem weiten Feld der „Lebensberatung“ üblich. Der Leser erfährt Aufschluss­reiches über den Sitz der Gefühle und wie man mit ungeliebten oder unangenehmen Emotionen umgehen kann, sowie mit dem, was als „Projektion“ eigener abgelehnter Anteile bekannt ist. Jakob Bösch regt hier zum Nachdenken an. An einigen Stellen hätte ich mir, so bei „Spirituell durch Wut und Eifersucht“, zumindest einen Hinweis darauf gewünscht, dass etliche Jahre zuvor der Schweizer Psychotherapeut und Autor Peter Schellenbaum ähnliche Gedanken in seinen Büchern veröffentlicht hat, denn Schellenbaums besonderer Ton scheint hier durchzuklingen. Großen Raum nimmt in „Versöhnen und Heilen“ die Darstellung der Arbeit des Mediums Anouk Claes ein, einer Belgierin, mit der Jakob Bösch zusammenarbeitet. Wertvoll sind die Aussagen, die der Autor bezüglich des „universalen Informationsfeldes“ macht, und sie regen dazu an, sich dessen, was man denkt, bewusster zu ­werden.

Es sind viele gute Gedanken in diesem Buch, ­niveauvoll und tief. Wo es um die Versöhnung des einzelnen Menschen mit sich selbst, seinen Gefühlen, seiner Lebensgeschichte geht, ist Bösch ganz in seinem Element, dem des ehemaligen psychiatrischen Chefarztes. Hier blickt er voller Empathie auf Leid, das durch Gefühle ausgelöst werden kann, die nicht gelebt werden durften. Unerfüllte Liebe beispielsweise sieht Bösch als einen möglichen Auslöser schwerster Depressionen. Auch das Leiden an sich selbst, an der eigenen Unzulänglichkeit, das einem Menschen das Leben vermiesen kann, thematisiert er und fordert seine Leser auf, sich selbst auch darin anzunehmen, wenn sie sich eben nicht annehmen können. Das klingt befreiend.

Doch im Mittelteil von „Versöhnen und Heilen“, da, wo Jakob Bösch sich der Bereiche Geld, Wirtschaft, Heilung des Planeten Erde annimmt, fällt die Qualität des Buches deutlich ab. Irritation ist erwünscht, doch um welchen Preis? Provoziert der Autor nur um der Provokation willen? Es ist anzunehmen, dass er seine Leser herausfordern will, sich ihren Glaubenssätzen hinsichtlich aller im Buch behandelter Themen zu stellen. Doch manche Aussagen sind zu drastisch und bestärken den Eindruck der Provokation um ihrer selbst willen. Streitpotential ist reichlich gegeben!

Auch die Frage drängt sich auf, ob atomare Strahlung wirklich ihren gefürchteten Einfluss auf das Erbgut verliert, wenn man liebevoll und dankbar beim Vorbeifahren an einem Atomkraftwerk an die vielen Möglichkeiten denkt, die durch Atomkraft dem Endverbraucher eröffnet werden. Zumindest Jakob Bösch ist davon überzeugt und schlägt ebendies seinen Lesern zu tun vor.

Nicht nur hier bleibt er an der Oberfläche und formuliert stellenweise so plakativ, dass jene unter seinen Lesern, die sich z. B. mit der Geschichte der von ihm behandelten Wirtschaftsmächte befasst haben, über seine Thesen nur staunen können. Zusätzlich die moderne Schweizer Geschichte, Gedanken über eine Trennung zwischen Staat und Religion – all das wird vom Autor thematisiert und damit verzettelt er sich

Dieser Artikel wurde verfasst von Franziska Rudnick

Franziska Rudnick praktiziert seit 1996 Reiki und wurde 2010 in England zur Reiki-Meisterin eingeweiht. Franziska ist Redakteurin des Reiki-Magazins. Ihr Buch "Heilende Begegnung", das 12 unterschiedliche Geistheiler portraitiert, ist 2012 im Windpferd-Verlag erschienen.

Geschrieben von Franziska Rudnick am Donnerstag, den 01.Juli 2010 um 15:27 Uhr

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