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Tadao Yamaguchi - Jikiden Reiki
Geschrieben von: Frank   
Freitag, den 29. September 2006 um 09:20 Uhr

Tadao Yamaguchi - Jikiden Reiki Windpferd Verlag, Aitrang 2006, 119 S., 13,90 Euro
Erstveröffentlichung im Reiki-Magazin Nr. 4/2006

Mit diesem Werk liegt ein Novum auf dem deutschsprachigen Büchermarkt vor: ein Reiki-Buch über traditionelles japanisches Reiki, geschrieben vom derzeitigen japanischen Halter dieser Linie. Tadao Yamaguchi ist mit Reiki groß geworden und wurde von seiner 2003 verstorbenen Mutter Chiyoko unterrichtet. Diese wiederum hat im März 1938 bei Chujiro Hayashi den fünftägigen Shoden- und Okuden-Kurs absolviert und den Grad des Shihan ca. 1940 von ihrem Onkel Wasaburo Sugano mit Erlaubnis von Hayashi Sensei erhalten (S. 34): “Später nahm sie als Shihan an Kursen teil und hatte die Ehre, mit Hayashi Senseis Frau, Chie Hayashi Sensei, Reiju geben zu dürfen.” (S. 28)

Diesem System, das Tadao Yamaguchi als Vertreter der Linie Usui - Hayashi - Sugano - Yamaguchi lehrt, haben seine Mutter und er den Namen Jikiden Reiki gegeben. Jikiden bedeutet “direkt übertragen” oder “weitergegeben vom eigenen Lehrer” und soll ausdrücken, dass die Familie Yamaguchi sich hier möglichst exakt an den Unterricht halten will, den Chiyoko Yamaguchi direkt von Hayashi Sensei erhalten hat (S. 19f). Es zeugt von der Integrität der Yamaguchis, dass sie dem von ihnen weitergegebenen System einen eigenen Namen gegeben haben und dabei einen Weg fanden, auf die Namen Hayashi oder gar Yamaguchi zu verzichten, aber gleichzeitig ihren Lehrer zu ehren.

Mit ihrer Lehrtätigkeit haben die Yamaguchis 1999 begonnen, nachdem sie in Japan in Kontakt mit Reiki-Praktizierenden westlicher Prägung gekommen waren und dadurch - sowie durch die Publikationen Frank Arjava Petters - eine ungeahnte Nachfrage einsetzte: “Viele renommierte Reiki-Lehrer kamen meine Mutter besuchen und wollten uns überzeugen, heutigen Schülern Reiki in der ursprünglichen Art beizubringen, wie Hayashi Sensei es gelehrt hatte.” (S. 10)

Dabei liegt der Schwerpunkt dieses Stils in der Behandlung: “Meine Mutter heilte ihr ganzes Leben lang viele Menschen von verschiedenen Krankheiten.” (S. 11) Deshalb wird Tadao “Reiki weiter als hervorragende Methode zur Verbesserung der Gesundheit propagieren”, denn “in der Vergangenheit förderten Usui Sensei und Hayashi Sensei Reiki in der Hoffnung, es für medizinische Behandlung einzusetzen.” Spannend, dass dieser behandlungsorientierte Reiki-Stil jetzt seinen Weg in den Westen gefunden hat, wo sich Schulmediziner und Reiki-Praktizierende immer mehr anzunähern scheinen.
Das “Westliche Reiki”, so Tadao Yamaguchi, habe im Vergleich zu Jikiden Reiki einige Elemente weggelassen und verschiedene neue Ideen und Praktiken hinzugefügt (S. 19). Aus Sicht des Rezensenten ist es jedoch wichtig, den Begriff “Westliches Reiki” ein wenig zu differenzieren.

Wie aus Vergleichen im Buch und aus Gesprächen hervorgeht, scheint Tadao Yamaguchi nur von - vor allem in Japan weit verbreiteten - Stilen wie Radiance sowie Varianten der freien Reiki-Szene gehört zu haben, auf denen seine Vorstellungen von dem, was er “westliches Reiki” nennt, wohl basieren. Im Grunde scheint der Autor darunter alle Stile zu subsummieren, die “nicht-japanisch” sind.

Es ist jedoch festzustellen, dass dieses “westliche” Reiki heutzutage aus einer Vielzahl von Strömungen besteht, die sich zum Teil massiv voneinander unterscheiden. Sie alle in einen Topf namens “westliches Reiki” zu werfen, ohne sich dieser Unterschiede bewusst zu sein, kann zu Polarisierungen und Wertungen führen, die “japanisches” Reiki gegenüber “westlichen” Reiki-Stilen als irgendwie besser erscheinen lassen, wobei jedoch übersehen wird, dass alle fundierten Systeme - egal ob japanisch oder “westlich” - ihre speziellen Vorzüge haben.

Gleichzeitig zeigt sich ebenso anhand dieses Buches, dass es tatsächlich deutliche Gemeinsamkeiten unter den großen westlichen Reiki-Strömungen gibt, die sie von der japanischen Praxis des Jikiden Reiki klar unterscheiden. Hier handelt es sich durchweg um die Strömungen, die über Hawayo Takata den Weg aus Japan heraus gefunden haben und von ihrer Praxis her wesentliche Elemente des Takata-Stiles beibehalten haben. Dabei gilt es zu berücksichtigen, dass Frau Takata direkt bei Hayashi gelernt hat, während Chiyoko Yamaguchi den Lehrergrad von ihrem Onkel erhielt und auch hier Möglichkeiten einer Veränderung der Lehre bestanden haben - wie es in dem Buch heißt, seien alle Zertifikate und Seminar-Notizen von Frau Yamaguchi zwischen 1942 und 1945 verloren gegangen (S. 37 und 69).

Diese Information gibt der Autor im zweiten Kapitel des Buches, wo er den Reiki-Weg der Familie darstellt, beispielsweise wie Reiki als Mitgift für seine Mutter diente, wie mit Reiki zur Zeit des Zweiten Weltkriegs gearbeitet wurde oder wie Reiki das Leben des kriegsversehrten Vaters rettete. Dann folgt die Vermittlung von Grundwissen: die Arbeit von Usui und Hayashi, Ausführungen über Byosen, die Gokai (Lebensregeln) sowie einige Gedichte des Meiji-Kaisers.

Kapitel 4 wendet sich daraufhin mit Informationen zu Japan, seinen Traditionen und der Sprache speziell an Nicht-Japaner, behält aber stets den Fokus auf Reiki und gibt so tiefere Einblicke in die Praxis von Kotodamas oder das Reiki-Symbol. Dieser Teil wurde auf Anregung der Lektorin ergänzend zu der 2003 erschienen japanischen Originalausgabe hinzugefügt (S. 181).

Praktische Anwendungen findet der Leser im fünften Kapitel. Tadao erläutert den Behandlungsplan von Hayashi Sensei und gibt Grundregeln und Beispiele für eine Reiki-Behandlung. Dabei weist er auch auf Unterschiede in der Praxis von Usui und Hayashi hin, erläutert den Ablauf der Revitalisierungstechnik Kekko und präsentiert bemerkenswerte Heilergebnisse.

Dem Unterricht von Jikiden Reiki widmet sich das sechste Kapitel. Dabei zeigt sich, dass es sich westliche Lehrer, die den von ihnen vermittelten Reiki-Graden - wie es in der Reiki-Szene teils zu beobachten ist - einfach nur trendige japanische Namen gegeben haben, nicht nur inhaltlich, sondern bereits strukturell viel zu einfach machen: “Zwei Drittel des Shoden sind Reiki 1 im westlichen Reiki und das letzte Drittel Shoden sowie Okuden komplett sind Reiki 2.” (S. 138) Anstelle des im Westen verbreiteten 3A-Grades gibt es den Shihan-kaku, den Assistenzlehrer, mit der Berechtigung, den Shoden-Kurs zu lehren. Shihans können auch Okuden lehren, und zu Zeiten Hayashis durften manche Shihans - für die später der Begriff “Dai-Shihan”, also “Großer Lehrer” eingeführt wurde - auch selbst Shihans ausbilden (S. 189f).

Hier klärt sich meines Erachtens auch endlich der Hintergrund für den im “westlichen” Reiki gebräuchlichen Begriff “Großmeister”, denn Phyllis Furumoto wurde am Anfang ihrer Zeit von vielen anderen Takata-Meistern das alleinige Recht übertragen, andere Meister innerhalb des Usui Shiki Ryoho auszubilden - eine Ehre, die sie 1988 wieder zurückgab und die Tadao Yamaguchi derzeit im Jikiden Reiki ausübt (vgl. Reiki Magazin, Ausgabe 3/06, Silke Kleemann: Jikiden Reiki, S.42). Im Unterschied zur modernen westlichen Praxis gelten im Jikiden-Reiki mindestens 120 Stunden Behandlungserfahrung als Voraussetzung, um Meister werden zu können. Hayashi selbst hat übrigens die ersten beiden Grade an fünf Tagen zusammen unterrichtet (S. 138) - aber nur dann, wenn er weiter entfernte Gruppen hatte (S. 191). Vermutlich ein Tribut an die eingeschränkte Mobilität jener Tage. Ein wenig irritiert, dass Tadao Yamaguchi selbst die beiden Grade in der Hälfte der Zeit zusammen unterrichtet und den Lehrplan gleichzeitig um aktuelle Themen erweitert haben will.

Allerdings scheint der Lernumfang des Okuden geringer als der zweite westliche Reiki-Grad. Denn interessanterweise besteht Jikiden Reiki nur aus drei Symbolen, das Meistersymbol scheint erst im westlichen Reiki hinzugefügt worden zu sein (vgl. Frank Arjava Petter: Reiki ganz klar, S. 60). Somit unterrichtet Tadao Yamaguchi bereits im Shoden-Kurs das erste Symbol, da es bei der Arbeit mit Byosen eingesetzt wird (Petter, S. 61), im Okuden das zweite Symbol zur Mentalbehandlung sowie ein Mantra, und im Shihan-kaku das dritte Symbol. Dies legt die Annahme nahe, dass das Fernreiki-Symbol im Jikiden Reiki bei der Einstimmungsarbeit der Reiki-Lehrer eingesetzt wird und dort eine ähnliche Rolle wie das Meistersymbol im westlichen Reiki spielen könnte. Auch der Umgang mit Symbolen ist ein anderer, “sie spielen eher eine Nebenrolle” (S. 140).

Dann folgen genaue Schilderungen dessen, was in Jikiden Reiki Seminaren geschieht. Das Buch schließt mit Feedback von japanischen und westlichen Jikiden Reiki-Schülern - diese sind natürlich sehr begeistert, und einige, die bereits im Vorfeld westliches Reiki praktiziert haben, beschreiben sich nun als “erdverbundener” und betonen die Einfachheit des Systems: “Es ist schlichter und fühlt sich an, als seien ein paar ‘Verpackungen’ weggefallen.” (S. 162)

Diese Aussage passt auch zum vorliegenden Werk als Ganzes. Die Klarheit und Tiefe, mit der es geschrieben ist, deutet auf die jahrzehntelange Reiki-Erfahrung des Autors hin. Für mich stellt es die aktuelle Standardlektüre zum Thema “Traditionelles japanisches Reiki” dar, das ich jedem Reiki-Praktizierenden ans Herz legen möchte. Anhand dieses Buches lässt sich das Reiki-System des Dr. Hayashi derzeit in seiner vermutlich authentischsten Form erfassen. 


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