Leben ist schön – Teil 3

gayveröffentlicht im Reiki-Magazin 4/2004

Bernd Leichter, Reiki-Lehrer und Reinkarnationstherapeut, war viele Jahre ehrenamtlich als emotionaler Begleiter von Menschen mit HIV und Aids tätig. Als Reiki-Lehrer machte er Erfahrungen in teils extremen Situationen. In einer sehr persönlichen Schilderung lässt er uns hier an seinen Erlebnissen rund um Reiki teilhaben. Der erste Teil von "Leben ist schön" findet sich hier.

Einmal hatte ich ein sehr dramatisches Erlebnis bei einer Einweihung,
die ich vornahm: Pit Tahiti kam zu mir, er suchte nach einer
Alternative zu seiner Aids-Therapie. Okay, wir machten einen Termin
aus, und er kam. Zuallererst gab er mir ein Zäpfchen in die Hand und
meinte, falls er einen Krampf bekäme, würde ich ihm das Zäpfchen
verabreichen müssen. Er meinte aber auch, dass dies wohl nicht nötig
sein würde und dass er es nur so als Vorsichtsmaßnahme gesagt habe.

Ich fing also mit den üblichen Erläuterungen zu Reiki an und merkte
dabei, dass Pit ein wenig abwesend wirkte. Nachdem er immer wieder
vermeintliche Fussel vom Pullover zupfte, fragte ich ihn, ob meine
Ausführungen ihn zu sehr anstrengten, was er verneinte. Das war die
epileptische Aura, es ging dann ganz schnell, Pit sprang auf, schrie:
»Scheiße, ich krieg den Krampf!«, mir wurde bewusst, was passierte, ich
sprang hoch, fing Pit auf wie ein umstürzendes Brett, legte ihn auf den
Boden, schob ein Kissen unter seinen Kopf, legte ihn auf die Seite,
hielt Verbindung mit dem zitternden Körper und entfernte den Schaum von
seinem Mund. Na prima, ich scheine ja doch der Katastrophenfritze zu
sein. Aber ich wusste sofort, warum ich für meine Heilpraktikerprüfung
Epilepsie gelernt hatte – ich war damals der festen Überzeugung
gewesen, dass ich darin geprüft würde, ich wusste alles darüber, kam
aber nicht damit dran, sondern in der Prüfung war Alkoholmissbrauch das
Thema gewesen. Aber jetzt half mir mein Wissen über Epilepsie: Ich rief
die Feuerwehr, Pit entspannte sich nicht und kam auch nicht zu sich.
Als die Feuerwehrmänner ihn abholten, bekam Pit einen neuen Anfall,
Status Epileptikus, lebensgefährliche Situation. Jetzt kam das Zäpfchen
zum Einsatz. Vorher musste ich aber erklären, dass Pit an Aids erkrankt
war. Bei solchen Anlässen ist die Krankheit immer noch mit Vorurteilen
belastet, ich merkte es dem guten Mann an.

Besserung durch Reiki

Pit kam also ins Krankenhaus, musste da eine Woche bleiben, und
danach stand er wieder auf der Matte und wollte die Reiki-Einweihung
haben. Ich fragte bei Jürgen Kindler an, ob er Erfahrungen mit Leuten
mit Psychose hätte. Jürgen ist der Herausgeber des Reiki Magazins, und
er hat viele Verbindungen zu Reiki-Meistern, aber er konnte mir in
dieser Sache nicht weiterhelfen. Na ja, schlimmer kann es ja nicht
kommen, dachte ich, besorgte mir als Verstärkung einen Assistenten und
schaffte die Einstimmung dann ohne Zwischenfall. Danach fühlte sich Pit
sehr wohl. Er gab sich regelmäßig Reiki, und er meinte, er habe sich
noch nie zuvor so wunderbar gefühlt, so mit sich selbst verbunden, wie
nach der Einweihung. Ein paar Monate danach machte er den zweiten Grad
und ist sehr glücklich damit. Pit hatte nach dem ersten Grad sehr viele
leichte Anfälle, die nach und nach immer weniger wurden. Nach dem
zweiten Grad wurde es immer seltener, dass er einen Anfall erlitt. Der
Nachteil dabei war, dass er glaubte, Reiki würde nun alles regeln, und
er bräuchte keine Medikamente mehr. Es passiert leider sehr oft, dass
alternative Heilmethoden falsch verstanden werden. Das liegt manchmal
an den Vermittlern und manchmal am »Besserwissen« der Betroffenen. Pit
handelte sich auf diese Weise einen Mega-Anfall ein. Er hat fast gar
kein Kurzzeitgedächtnis mehr und arbeitet fleißig an der Beseitigung
der Folgeschäden.

Ich habe mich dazu entschlossen, keine Menschen mit einer Psychose
mehr in Reiki einzuweihen. Es ist einfach zu aufregend, überhaupt nicht
vorhersehbar, wohin das führen kann. Zum einen sind die Betroffenen
durch ihre Erfahrungen mit Außenstehenden meist nicht offen genug, sie
erzählen oft gar nicht von ihrer Krankheit, aus Angst vor Vorurteilen,
oder sie verschweigen wichtige Details. Zum anderen sind, für den Fall,
dass etwas passiert, zu viele Fragen der Absicherung des Einzuweihenden
ungeklärt.

»Ich war hilflos.«

Neben den außergewöhnlichen Erfahrungen bei den Einstimmungen in
Reiki hatte ich beinahe ebensoviele bei Behandlungen mit Reiki. Eine
Bekannte aus meiner ersten Aids-Hilfe-Supervisionsgruppe rief mich an
und erzählte mir, dass ein gemeinsamer Freund, Martin, auch aus der
gleichen Gruppe, der schon lange an Aids erkrankt war, sich dazu
entschlossen hatte, keine Therapie mehr mitzumachen. Sein letzter
Freund, es war eine lange Beziehung und eine große Liebe, war vor einem
Jahr gestorben, und er selbst erkrankte sehr schwer an begleitenden
Infektionen. Sein Körper verfiel immer mehr, und er bestand nur noch
aus Haut und Knochen. Martin hatte mit seiner Pflegestation
abgesprochen, dass nur noch eine Schmerztherapie erfolgen sollte, und
er war mit sich einig, dass nur noch dieser Weg für ihn der Richtige
war. Ich sollte die Trauerrede für Martin halten, und Irene fragte mich
nun, ob ich Martin diesen Wunsch erfüllen würde.

Meine Erinnerung an die Trauerrede für meinen Intimfreund Gerhard
ließ mich bei der Frage erzittern. Ich hatte nie zuvor so etwas schwer
Erschütterndes erlebt. Dabei war ich nicht in der Lage gewesen,
Verstand und Emotion zu trennen. Noch Tage danach war ich nicht zu
einem geregelten Tagesablauf fähig gewesen. Martins Wunsch ehrte mich.
Wir hatten während unserer Aids-Hilfe-Zeit
sehr viele Betroffene begleitet und mehrere Jahre zusammen in der
gleichen Supervisionsgruppe gesessen. Wir achteten uns sehr und waren
uns freundschaftlich verbunden. Uns verbanden sehr viele traurige
Erlebnisse, aber auch wunderbare, lebensfrohe Tanzfeste und eine
gemeinsam aufgeführte Travestie-Show in der Aids-Hilfe. Ich konnte ihm
seinen letzten Wunsch an mich nicht ausschlagen. Ich verabredete mit
Irene, dass ich mich mit Martin treffen würde, und verabschiedete mich
auf bald. Ich war mit mir so sehr hilflos.

Reiki-Marathon

Der Mitarbeiter der Pflegestation ließ mich herein, und ich ging zu
Martin ans Bett. Durch meine betreuerische Tätigkeit habe ich
Aids-Kranke in den verschiedensten Phasen gesehen. Jetzt hier bei
Martin bekam ich aber doch einen Schreck, sicher auch wegen meiner
Verbundenheit mit ihm. In diesen Momenten bin ich immer wieder
unsicher, und ich weiß nicht genau, was nun das Richtige zu sagen ist.
Aber eins weiß ich doch: Falsche Worte und dumme Floskeln sind
unangebracht. Ich kam zur Sache. Um die gewünschte Rede zu halten,
musste ich viele Informationen von Martin haben. Also schlug ich ihm
vor, dass ich ihn täglich besuchen und dabei Reiki geben würde. Bei
diesen Sitzungen würden wir uns dann über sein Leben unterhalten können
und ich würde seinem Wunsch entsprechen können. Ich fing gleich mit
einer Behandlung an. Hinter dem Kopfende richtete ich mir einen
Sitzplatz ein und gab Martin eine Stunde auf die Kopfpositionen Reiki,
und das drei Wochen lang jeden Tag. Martin erzählte mir aus seinem
Leben, und dabei erfuhr ich, dass er trotz seiner grausamen Krankheit
ein glücklicher und zufriedener Mann war. Er liebte und wurde geliebt,
und daran war nichts Falsches. Er hatte ein liebevolles Elternhaus
erfahren und war zufrieden, deshalb war er auch bereit, dem Lauf seines
Lebens nichts mehr entgegen zu stellen. Ich muss zugeben, es gibt
einige Augenblicke, da schäme ich mich.

Nach den drei Wochen organisierte ich ein Marathon-Reiki. Dabei
geben mehrere Reiki-Kanäle einem Klienten, immer abwechselnd, mehrere
Stunden Reiki. Martin bekam also ungefähr vier Stunden lang
intensivstes Reiki. Wir hätten noch weiter gemacht, aber Martin meinte,
es sei genug, er wolle nun wieder ins Bett und schlafen. Nach diesem
Tag brauchte ich nicht mehr zu Martin gehen. Ohne dass wir darüber
gesprochen hatten, wussten wir, dass ich nichts mehr tun musste.
Irgendwann danach hörte ich, dass Martin sich wieder erholt hätte. Es
gehe ihm gut, und das konnte ich dann auch bei einem Treffen
feststellen. Er hat dann einen neuen Freund gefunden, mit dem er ein
Jahr lang nach Paris ging, suchte sich eine neue Wohnung, machte
Reisen, bekam bei einer großen Berliner Tageszeitung einen Job und
lebte und lebt noch heute mit einem jugendlich strahlendem Aussehen.
Die Reiki-Marathon-Sitzung bekam er vor acht Jahren.

Starke Reaktion

Reiner war umgefallen. Wenn eine Infektion den Kampf gegen das
Immunsystem gewann, brachen die Menschen zusammen. Reiner kam ins AVK,
Berlins Krankenhaus mit dem »Schöneberger Modell«. Dort war die
Atmosphäre offen, Freunde und Verwandte der Betroffenen konnten
jederzeit zu Besuch kommen und, wenn sie wollten, sogar mit den Kranken
im selben Zimmer übernachten. Es war fast so, als wären sie dabei zu
Hause. Von Seiten der Ärzte und dem Pflegepersonal wurden keine
Unterschiede gemacht zwischen Freunden und Verwandten. Irgendwie
arbeiteten alle zusammen, und trotzdem wollte niemand dorthin, denn es
bedeutete für die meisten Menschen eine weitere Vertiefung der
Krankheit.

Ich ging Reiner besuchen. Ehe ich das Krankenzimmer betrat, stimmte
ich mich auf Reiki ein, mein Reiki-Kanal war also geöffnet. Mein Freund
sah wirklich schlimm aus, seine Augen, die sonst immer strahlten und so
typisch für ihn waren, wirkten total leblos, also es hatte ihn ziemlich
stark erwischt. Ich streckte ihm beide Hände entgegen, und wir
begrüßten uns wie gewohnt sehr herzlich. Ich hielt immer noch seine
Hände und bemerkte dabei, wie sein blasses Gesicht hochrot anlief, und
nach ganz wenigen Augenblicken schoss ihm der Schweiß aus dem Körper.
Selten war ich so erschrocken, ich musste sofort die Schwester rufen.
Blitzschnell waren seine Wäsche und sein Bettzeug klatschnass, das
musste gewechselt werden. Der schwache Körper von Reiner reagierte mit
dem Schwitzen auf die Reiki-Energie. Das Schwitzen hielt noch eine
Weile an, wir mussten die Wäsche vier Mal wechseln, und Reiner war
total schlaff, und natürlich bekam er auch Angst. Wir berührten uns an
dem Tag nicht noch einmal. Reiner war selbst in Reiki eingestimmt, und
wir wussten beide, wie stark Reiki wirken kann. Dieses Erlebnis aber
bescherte uns einen Extra-Respekt vor dieser Energie. Seitdem kläre ich
meine Reiki-Schüler besonders intensiv über die vielen verschiedenen
Reaktionen der Menschen in Bezug auf Reiki auf.

Reiner wurde von den Ärzten wieder fit gemacht, und er ist mir immer
noch ein sehr teurer Freund. Die Schulmedizin hat durch die
Aids-Forschung viele neue Erkenntnisse gewonnen. Die meisten Aids
begleitenden Krankheiten waren bei Aufkommen dieser Krankheit äußerst
lebensbedrohlich, oft starben die Betroffenen daran. Ich rate bei
derart schwerwiegenden Krankheiten immer zu einer Kombination von
Schulmedizin und alternativer Medizin.

Das schöne Gesicht

Während meiner Reiki-Tätigkeit bot ich immer regelmäßige
Gruppentreffen an. Das ist so wie ein Reiki-Marathon, nur viel kürzer.
Es reichen da zehn Minuten völlig aus, wenn z. B. sechs Paar Hände auf
einem Körper liegen. Der Reiki-Nehmer verliert während der Sitzung
häufig jedes Gefühl für Zeit und Ort. Es ist kein Schlaf, sondern ein
totales Entspanntsein. Manche Menschen sehen dabei Farben oder
irgendwelche Bildabläufe. Ich habe lange Zeit ein wunderschönes
bärtiges, schmales, ebenmäßiges Männergesicht gesehen, leicht
durchscheinend, fast so wie Christus auf kitschigen, kleinen
Sonntagsschulbildchen. Ich erinnere mich, so ein Bild in der Kindheit
gehabt zu haben. Das Bild erschien mir monatelang bei diesen
Reiki-Sitzungen, es war mir sehr vertraut geworden, und ich war immer
schon gespannt, wann es mir wieder erscheinen würde. Manches Mal
dauerte es etwas länger, oft aber erschien es mir auch sehr schnell
wieder, und es sah immer gleich aus, unbeschreiblich schön.

Georgs Freund Enno war schwer erkrankt, er lag schon über Wochen im
Krankenhaus, und es war sicher, dass keine Therapie mehr wirksam sei.
Nachdem der behandelnde Arzt klar gemacht hatte, wie wenig Zeit es für
Enno hier bei uns noch gab, entschloss sich Georg dazu, ihn nach Hause
zu holen. Georg lud die engsten Freunde und Verwandten ein, und es
wurde ein Wachdienstplan ausgearbeitet, so dass immer jemand, der Enno
vertraut war, neben dem Pflegedienst bei ihm anwesend war. Enno hatte
nur noch ein paar Tage. An einem Sonnabend merkten wir, dass sein Leben
zu Ende ging. Die nächsten Freunde und Verwandten waren um Ennos
Sterbebett versammelt, Georg hielt seine Hand und war mit ganzem
Bewusstsein bei seinem leidenden Freund. Ich arbeitete mit Reiki und
versorgte jeden der Anwesenden mit der Energie, die er brauchte. Und
ich hoffte sehr, dass Enno die Energie zum Loslassen nutzen konnte. Er
war umgeben von seinen lieben Verwandten und Freunden, als er nach
einem langen schweren Leiden starb. Der Kampf um das Leben hatte
aufgehört, es war Stille im Raum, jeder war von diesem absoluten
Geschehen beeindruckt und voller Ehrfurcht und Demut. Der eben noch
kämpfende Körper wurde durch einen endlosen Frieden eingenommen.

Ennos Körper bekam die letzte Pflege und wurde dann im schönsten
Schlafanzug, aus Seide, schwarz-weiße, große Karos, aufgebahrt. Georg
entschloss sich dann, zwölf Stunden Totenwache halten zu lassen und
Ennos Körper erst am nächsten Morgen abholen zu lassen. Das war eine
sehr gute Entscheidung. Wir konnten uns langsam, in aller Ruhe, von
Enno verabschieden. So setzte sich jeder von uns eine Stunde zu ihm und
regelte für sich, was zu regeln war. Als ich bei Ennos Leiche saß,
veränderte sich sein Gesicht. Die Züge wurden weicher, erlöster, und
ich traute meinen Augen nicht: Hier erkannte ich das Gesicht, welches
ich während der Reiki-Sitzungen immer wieder im »dritten Auge« gesehen
hatte, dieses wunderschöne Christus-Gesicht. Ich konnte mich meinen
befreienden Tränen hingeben, und ich werde dieses Erlebnis nie
vergessen. Das schöne Gesicht sah ich bei Enno das letzte Mal.

Die »AG Leder«

In der Berliner Aids-Hilfe gab es verschiedene Arbeitsgruppen für
spezielle Interessen. Eine davon war die »AG Leder«. Hier versammelten
sich gestandene Kerle mit einem Faible für Leder und Motorräder. Über
das Jahr wurde Geld gesammelt, und im Sommer wurde dann meistens eine
Gruppenreise unternommen. Diejenigen, die eine Maschine besaßen, fuhren
damit, die anderen mieteten einen Bus. Als ich die Gruppe begleitete,
ging die Reise nach Polen, Masuren. Außer mir war noch Karl-Heinz als
Begleitperson mit dabei. Er war als Krankenpfleger für die Erste Hilfe
da und bot nebenbei noch medizinische Massagen an. Ich machte mit den
»Lederkerlen« in Polen ein Reiki 1. Grad-Seminar.

Wir hatten eine kleine Ferienanlage mit sieben kleinen, einstöckigen
Häusern gemietet. Unten befand sich jeweils der Aufenthaltsraum und
eine kleine Küche, oben mindestens zwei kleine Schlafräume. Das Haus,
in dem Karl-Heinz und ich wohnten, hatte im Aufenthaltsraum einen
offenen Kamin. Das war sehr gemütlich, hatte aber den Nachteil, dass es
bei uns immer einen Haufen Gäste gab. Es war eine sehr schöne
Atmosphäre, und wir lernten uns durch die vielen Gespräche am Kamin
intensiver kennen, als dies in Berlin möglich gewesen wäre. Dabei ging
es hauptsächlich um die Gesundheit. Es gab noch keine wirksamen
Medikamente gegen Aids, und die Stimmung unter den Betroffenen war
damals, im Gegensatz zu heute, doch gedrückter. Der ständige Begleiter
der Leute war die Angst. Obwohl die »Lederkerle« nicht so sehr auf
solchen »Kram« wie Reiki standen, wollten doch 20 von ihnen beim
Seminar mitmachen.

Dabei hatte ich so meine Bedenken: Ich wollte nämlich nicht, dass
sie nur wegen des schlechten Wetters an dem Seminar teilnahmen, weil
sie sonst nichts anderes zu tun hatten. Ich wollte mir das schöne Reiki
nicht missbrauchen lassen. Als es dann soweit war und die Jungs die
Handpositionen lernen sollten, ging das Theater los. Statt die Hände
ganz leicht auf den Körper des Reiki-Nehmers zu legen, klatschten sie
die Hände auf ihre Partner, nach dem Motto: Harte Männer brauchen das!
Als dann aber alle die ersten beiden Einstimmungen hatten und mit ihren
Partnern arbeiteten, wurden die Kerle immer ruhiger, seichter, ja
richtig sanft und zärtlich. Diese Veränderung war verblüffend, und mir
machte das einen Riesenspaß. Der zweite Tag fing gleich ganz anders an:
Die Jungs freuten sich weiterzumachen, erzählten von ihren Erfahrungen
mit dem Reiki und fühlten sich sehr gelöst und voller Harmonie. Zum
Schluss des Seminars machte ich mit den Männern Gruppenreiki. Wir
standen im Kreis und umarmten uns, wiegten uns ganz leise und zart und
sahen uns in der Runde lange in die Augen. Es war eine besonders schöne
Situation, die uns sehr nahe brachte. Ich bin sehr glücklich darüber,
dass ich so viele Erfahrungen mit den unterschiedlichsten Menschen
gemacht habe.

Mein Weg

Mich persönlich haben die Einstimmungen in Reiki, meine
Meister-Ausbildung, meine eigene Arbeit mit Reiki und die Reiki-Arbeit
mit den verschiedenen Menschen völlig verändert. Da ich zwischen den
verschiedenen Graden und der Meister-Einstim-mung kaum Zeit für meine
Entwicklung gehabt hatte, erlebte ich einen zum Teil chaotischen
Prozess. Die Auseinandersetzung mit mir selbst nach dem 1. Grad wurde
überholt durch die Arbeit mit dem Handwerkszeug des 2. Grades, und
mitten in dieser Phase überrollte mich die verfrühte Meistereinweihung.
Aber jeder geht seinen Weg, und für mich galt immer: Alles oder nichts.
Ich kam durch, ohne abzuheben. Fest verbunden mit der Erde, kämpfte ich
mich durch meine Emotionen, machte Fehler, die sehr weh taten, hatte
Glücksgefühle von einer ungeahnten Intensität, und nach mehreren Jahren
hatte ich das sichere Gefühl, mit dem Ganzen im Gleichklang zu sein.

Mit den Lebensregeln von Reiki kam ich anfangs überhaupt nicht
zurecht. Immer, wenn ich sie las, merkte ich in mir Aggressionen
aufsteigen. Die Lebensregeln erinnerten mich sehr an die Gebote, die
uns Menschen immer wieder mit erhobenem, drohendem Zeigefinger
dargebracht werden. »So wird’s gemacht und nicht anders!«, also da
bäumt sich in mir alles auf, und ich kann nur widersprechen und meinen
eigenen Weg suchen. Ich habe es geschafft, die Regeln für mich zu
ignorieren, und trotzdem in meinen Seminaren darauf aufmerksam zu
machen. Irgendwann merkte ich dann, in dem ganzen Reiki-Prozess, dass
ich die Regeln lebe und dadurch ein wesentlich leichteres Auskommen in
dieser Gesellschaft habe. Das ist mein Weg. Ich lasse mir nichts
erzählen, ich muss alles selber für mich herausfinden, dann kann ich
überzeugen. In meinen Seminaren weise ich meine Schüler auf den Wert
der eigenen Erfahrung hin und lege ihnen ans Herz, nicht so viel auf
die Inhalte von Reiki-Büchern zu geben, um nicht auf das Dilemma der
Erwartung hereinzufallen. Jeder macht eigene Erfahrungen, die Summe
dieser Erfahrungen macht die Haltung gegenüber Reiki aus.

 

 

Mit freundlicher Genehmigung von Bernd Leichter – http://www.bernd-leichter.de
Introfoto von iboff / stock.xchng

 

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