Reiki im Jugendstrafvollzug

Reiki im JugendstrafvollzugReiki in einem Gefängnis zu unterrichten, ist sicherlich eine Herausforderung. Der Reiki-Lehrer Marco Hennings hat es gewagt, mit jugendlichen Häftlingen in der Justizvollzugsanstalt Hahnöfersand. Er berichtet hier von seinen Erfahrungen und Gedanken sowie denen der jungen Männer im Alter von 17 bis 21 Jahren und kann hoffentlich unsere Leser inspirieren.

Als sich die Meldungen über Jugendkriminalität und Jugendgewalt in den Medien gerade förmlich überschlugen, bekam ich die Möglichkeit mit jugendlichen Häftlingen in der Justizvollzugsanstalt Hahnöfersand mit Reiki zu arbeiten.

Lange Zeit hatte ich mir gewünscht, eine solche Arbeit  einmal machen zu können, und freute mich sehr über die glücklichen Umstände die dazu geführt hatten. Die Erwartungen, die ich in meine Reiki- Arbeit setzte und meine Vorstellung, was sie bewirken könnte, wurden noch bei weitem übertroffen.

Wer schon einmal ein Gefängnis gesehen hat, weiß wie es sich anfühlt, wenn man sich dem Eingang nähert. Die meisten Leute wollen einen solchen Ort so schnell wie möglich wieder verlassen. Hohe Zäune mit Stacheldraht, Wachtürme, verschlossene Tore, Kameras. Kein besonders einladender Anblick. Ich aber wollte da unbedingt hinein.

Man hört nur von Angeboten, die die Menschen durch Druck und Gewalt auf einen besseren Weg  bringen sollen. Durch meine eigene Lebensgeschichte und durch die Erlebnisse meiner Reiki-Schüler wusste ich, dass Reiki einen Menschen auf viel sanftere Art positiv beeinflussen und verändern kann.

Natürlich ist es eine gute und wichtige Sache einen jungen Menschen, der vom Weg abgekommen ist, z.B durch ein Box-Trainingscamp klare Strukturen und Regeln anzubieten und zu vermitteln.

Meiner Meinung nach ist es aber genauso wichtig, dem Menschen dann nicht nur zu zeigen wie man, z.B einen Schlag richtig ausführt, sondern das man ihm ebenso vermittelt wie er mit seinen Händen einen anderen Menschen helfen kann. Oder sich selbst…

Mein Assistent Herr Dietmar Tamm-Berg und ich entwickelten also ein Konzept für unser Vorhaben. Herr Tamm-Berg macht zur Zeit eine Ausbildung zum Erzieher und absolviert aufgrund dessen ein Praktikum im Jungendstrafvollzug in der Justizvollzugsanstalt Hahnöfersand.

Reiki im Jugendstrafvollzug
Herr Tamm-Berg suchte für unser Projekt sechs geeignete Jugendliche im Alter von 17 bis 21 Jahren aus und bereitete alles weitere für einen reibungslosen Ablauf  vor. Wir benötigten ca. 6 Wochen für unsere Vorbereitungen. Das Projekt sollte über zwei Tage gehen, in denen die Häftlinge von mir in den 1.Reiki Grad eingeweiht werden sollten. Die Leitung in Hahnöfersand war sehr hilfsbereit und unterstützte unsere Arbeit auf jede erdenkliche Weise. Wir durften die Sporthalle für diese zwei Tage benutzen und es wurden uns auch mehrere Wachleute zur Verfügung gestellt.

Am ersten Tag stellte ich mich den Jungs vor und eröffnete ihnen was in den nächsten zwei Tagen auf sie zukommen sollte. Zuerst waren sie etwas skeptisch, besonders nachdem Wort „Handauflegen“, aber nach ca. einer Stunde hatten wir alle Fragen soweit geklärt, das alle bei dem Projekt dabei sein wollten. Die Neugier war dann doch größer als die voran gegangene Skepsis.

Bevor wir loslegten, bat ich die Jungs mir ihre Werte aufzuschreiben. Das was ihnen am wichtigsten war an erster Stelle und dann das nächste darunter, usw. Also z.B Familie, Erfolg, Liebe, Geld, etc. Danach sammelten wir die Zettel ein. Am Ende des Seminar bekamen sie dann noch  einen weiteren „Werte Zettel“ den sie dann erneut ausfüllen sollten. Wir wollten  sehen, ob und wenn was sich an den Wertvorstellungen der jungen Leute nach dem Reiki – Seminar verändert hatte.

In meinen Reiki-Seminaren liegt der Schwerpunkt klar auf dem Thema „Reiki und Heilung“. Bei diesem Projekt lag der Schwerpunkt auf Reiki und unter anderem auch der Gewalt. Eine sehr reizvolle Kombination für mich, da ich neben meiner Reiki- Kunst auch seit 20 Jahren Kampfsport betreibe.

Somit kamen dann auch Fragen auf wie: Was meint ihr, ist der Grund dafür, warum sich Menschen schlagen? Hast du dich schon mal geschlagen? Wie hast du dich dabei bzw. danach gefühlt? Als du gewonnen oder als du verloren hast?

Sehr spannend war dann zum Beispiel, dass sich die Jungs sehr bald einig waren, dass Menschen sich wohl aus Angst voreinander Gewalt antun. Das Angst eine große Rolle zu spielen scheint. Und Energie. Energie, die man sich dabei gegenseitig „wegzunehmen“ scheint. Das es nicht nur Täter und Opfer gibt, sondern eigentlich zwei Opfer. Interessant nicht wahr…?!

Als die Jungs dann ihre ersten „Trockenübungen“ mit der Eigenbehandlung und den Handpositionen bei sich selbst ausprobierten, war auch endgültig das letzte Eis gebrochen. Nach der gegenseitigen Behandlung im Sitzen fragte ich sie, wie sie sich jetzt fühlten und bekam Antworten wie:

Es war sehr entspannend;  Ich habe mich wohl gefühlt; Die Probleme sind irgendwie von mir weggerückt; Irgendwie leichter…; Ich fühle mich seltsam aber angenehm seltsam;  Komisch kann es nicht beschreiben, aber es war okay.

Kann das sein, dass ich ein Kribbeln am Kopf gespürt habe?;  Vorhin war ich noch wütend auf einen Wachmann, aber das ist jetzt vorbei;  Man vergisst, dass man im Knast ist…

Sehr bald merkte ich dann schon gar nicht mehr, dass ich in einem Knast war und „Häftlingen“ Reiki beibrachte. Ab diesen Zeitpunkt waren es für mich nur noch einfache „Jungs“. Wieder einmal demonstrierte mir Reiki seine wunderbaren Möglichkeiten der Liebe. Ich sah nur noch den Menschen, nicht mehr den Häftling.

Auch die verschiedenen Wachleute und mein Assistent waren sehr erstaunt darüber, was sich vor ihren Augen abspielte. Die Jungs arbeiteten leise und konzentriert miteinander. Sie hörten aufmerksam zu. Ein entspanntes und harmonisches Miteinander beherrschte das Bild.

Am zweiten Tag vor dem nächsten Seminarteil setzten wir uns mit den Jungs für ca. zwei Stunden zusammen und besprachen ihre Eindrücke des vorangegangen Tages. Wir sprachen über Reiki aber auch über Themen wie Respekt. Was bedeutet Respekt eigentlich für euch. Respektiert ihr euch eigentlich auch selbst? Von allen sechs Probanden kam ein klares Nein zu dieser Frage…

Reiki im Jugendstrafvollzug
Der zweite Seminarteil bestand erst einmal aus Wiederholungen der Eigenbehandlung und dann Wiederholung der Behandlung im Sitzen mit anderen Partnern. Reiki wurde am zweiten Tag stärker wahrgenommen und der Ablauf  der Positionen war für die Jungs vertrauter.

Später lernten sie dann die Behandlung bei einer Person im Liegen. Auch hier waren alle wieder sehr konzentriert bei der Sache. Die Einweihungen hielt ich übrigens in einem kleinen separaten Geräteraum ab, der zwar ungemütlich war, aber kein Problem darstellte, weil sich die Jungs trotzdem bei den Einweihungen wohl fühlten.

Nach dem Seminar erhielten dann alle noch mal den besagten „Werte Zettel“. Bei einigen hatte sich in der Wertung tatsächlich etwas verändert. Zum Beispiel waren neue Werte dazu gekommen wie: „Anderen Menschen helfen“ und „Dankbarkeit“. Werte wie „Geld“ waren auf den untersten Plätzen gelandet oder sogar ganz verschwunden.

Auch ich war sehr dankbar, dass ich diese Erfahrung mit den Jugendlichen machen durfte.

Mein Fazit: Jugendliche die gewalttätig werden, haben es meist in ihrem Leben so erlernt und sie haben nie liebevolle Vorbilder gehabt. Sie sind teilweise durch eigene Misshandlungen traumatisiert worden und geben das aus Angst entstandene Leid nun an andere weiter. Es entsteht ein Teufelskreis der Gewalt. Gruppenzwang und Eigendynamik tragen dann ihr zusätzliches dazu bei. Aus solch einem Teufelskreis kann sich ein jugendlicher Mensch nur schwer selbst wieder herausziehen.

Mit Reiki habe ich ein Werkzeug, mit dem ich die Herzen dieser jungen Menschen erreichen kann. Mit Reiki lernen sie sich selbst wert- zu- schätzen, „Selbstvertrauen“ aufzubauen und ihre „Mitte“ zu finden. Durch diese vorher noch nie gemachte Erfahrung lernen sie dann auch andere wert- zu- schätzen. Sie lernen über das Handauflegen, dass sie anderen Menschen etwas Gutes tun können. Nur wer sich selbst liebt, kann auch anderen Menschen Liebe geben.

Meiner Meinung nach hat Reiki dort eine große Zukunft. Eines Tages könnte es völlig normal sein, dass Reiki im Strafvollzug angewendet wird. Ebenso aber auch in allen  Bereichen, die sich mit Gewaltprävention befassen. Das Interesse auf Seiten der Leitung von  Hahnöfersand  war auf jeden Fall sehr viel versprechend. Es könnte also der erste Schritt in die richtige Richtung  gewesen sein. Ich würde mich darüber freuen, wenn mein Beispiel Schule machen würde.

Danken möchte ich meinem Assistenten Dietmar Tamm-Berg und der Justizvollzugsanstalt Hahnöfersand, die durch ihre Mithilfe das Projekt erst möglich gemacht haben.


Autor: Marco Hennings – Homepage: www.marcohennings.de  

Annmerkung: Alle Fotos wurden mit dem Einverständnis der Häftlinge veröffentlicht. Zum Schutz der Jugendlichen wurden ihre Gesichter unkenntlich gemacht.

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4 Antworten zu “Reiki im Jugendstrafvollzug”
  1. Alexander Gottwald sagt:

    Lieber Marco 🙂

    danke, dass Du mir den Link zu diesem bewegenden Artikel geschickt hast, besonders aber für Dein Engagement für die Jugendlichen. Ich habe selbst einige Jahre aktiv Männerarbeit gemacht, Seminare gegeben, in einer Gruppe mit anderen Trainern auch ein Konzept für Initiations-Seminare für Jugendliche erarbeitet. Diese Initiationswochen wurden leider durch massiven Widerstand der Eltern, vor allem der Mütter der entsprechenden Jugendlichen nie voll genug, dass sie wenigstens kostendeckend gewesen wären. Daher schlief das Projekt dann bald wieder ein.

    Als ich Deinen Text las, dachte ich, wie tragisch es doch ist, dass junge Männer in unserer Gesellschaft erst mal richtig Mist gebaut haben müssen, bevor sich mal jemand um sie kümmert. Das war damals in meiner Jugend nicht anders. Auch ich bekam den Fotolabor-Kurs damals mit 17 gratis, als ich zu Sozialstunden verurteilt worden war …

    Was hier fehlt ist meiner Meinung nach eine Initiationskultur für Jugendliche, also Männer, die den jungen Männern zur Seite stehen und Frauen, die den Mädels Unterstützung geben. All das wird ja in unserer Gesellschaft an die Familie deligiert, die das aber gar nicht leisten kann.

    Danke nochmal für Dein Engagement. Ich setze mich mit Dir noch mal in Verbindung.

    Alles (IST) Liebe,

    Alexander 🙂

  2. Dagmar sagt:

    Ich finde dieses Projekt hervorragend,leider können wir das in Österreich nicht verwirklichen.Würde dieses auch gerne bei uns in den Justizanstalten starten. Vielleicht kannst Du Dich mit mir in Verbindung setzen.
    Da mir das schon seit längerem vorschwebt.
    Lg
    Dagmar

  3. Marco sagt:

    Vielen dank für eure Kommentare. Ich habe sie leider erst jetzt gesehen.

    @Alexander
    Deine Idee mit der Initiationskultur für Jugendliche kann ich nur voll unterstützen. Bei den Natives Nordamerikas war das früher eine normale Praxis. Auch unsere Gesellschaft braucht so etwas ganz dringend!
    Unsere Kinder und Jugendliche brauchen Vorbilder die sie positiv fördern. Solche Vorbilder fehlen häufig oder werden durch destruktive Vorbilder ersetzt.. Siehe trauriges Beispiel Winnenden Amoklauf…

    @ Dagmar
    Ich unterstütze dich gerne. Nur leider kann ich keinen Kontakt zu dir aufnehmen da du keine Kontaktdaten angegeben hast!?
    Auf meiner oben angegebenen Webseite findest du meine Kontaktdaten.

    Ich möchte mich auch noch mal für die vielen E-Mails bedanken die ich kurz nach der Veröffentlichung des Artikels bekommen habe. Das hat mich doch sehr überwältigt. Mir war gar nicht bewusst das dieses Thema so viele Menschen bewegt. Ich bin damals einfach meinen Impulsen gefolgt und hatte Glück das ich diese Arbeit machen durfte. Dafür bin ich sehr dankbar und arbeite grade dran diese Erfahrungen weiter zu optimieren um das Projekt in Zukunft noch besser zu gestalten. Auf meiner HP findet ihr übrigens noch mehr Fotos zum \"Spirit-Fighter Projekt.\" So habe ich das ganze jetzt genannt.

    Liebe Grüsse

    Marco

  4. denny sagt:

    ich weis genau wie das abgeht im knast und kanz erlich es ist nicht wie zuhause es gibt da nur regeln nur regeln wenn man da einmal scheisse macht scheissen die bemanten auf ein ist so ich weis das und ich war selber das und auslender werden da anderis behandeld wie ein deutscher was ist das für ein knast ??????????????????????? ich sag einfach nur beschbrecht heuch einfach mal da und behandeld jeden gleich da sonst muss man das ja mall bei der presse machen und sagen wie das im knsat abgeht wie die bemanten mit denn gefangenen um gehn

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