Kriterien einer Musikrezension

Wer das Reiki-Magazin aufschlägt und eine meiner Musik-Rezensionen liest, frägt sich vielleicht: wieso wird diese CD empfohlen und von jener abgeraten? Deshalb an dieser Stelle ein paar Informationen dazu, um das Ganze transparenter zu machen.

Grundsätzlich sind Musik-Rezensionen keine einfache Sache. Meine ersten Musiktipps schrieb ich als Musikfan bereits vor 20 Jahren für Schülerzeitungen, bevor ich dies später als Redakteur deutschsprachiger Musiker-Magazine in professionellerem Ambiente tat. Im Unterschied zur dort üblichen Pop- und Rock-Musik hat Musik für Reiki-Behandlungen jedoch eine klarere Aufgabe. Hier steht der dienende Aspekt der Musik als Untermalung und Unterstützung im Vordergrund. Anhand dieser Aufgabe entwickelte ich zu Beginn meiner Rezensententätigkeit für das Reiki-Magazin 1996 eine Kriterienliste [1]. Diese nutze ich in verfeinerter Form auch heute noch. Sie enthält sowohl objektive als auch subjektive Kriterien.

1. Objektive Kriterien

a) Die Gestalt
Die Ganzheit der Musik einer Produktion lässt sich in Teilbereiche gliedern: Klang, Rhythmus, Dynamik, Melodie und Form. Diese von Fritz Hegi entwickelten und auf der Gestalttherapie basierende Theorie war während meiner Beschäftigung mit Musikimprovisation und Musiktherapie das brauchbarste Modell und Ausgangspunkt meiner Diplomarbeit zu diesen Themen [2].
cover Elementar für Reiki-CD’s ist der Klang, dem die grösste Heilkraft der fünf Teilbereiche innewohnt. Aufgrund des anvisierten Charakters sind eine zu starke Rhythmisierung der Musik oder zu große Dynamiksprünge (also abrupte laut/leise-Wechsel) der Tauglichkeit abträglich. Im Zeitalter des Techno mag die diesbezügliche Toleranzschwelle mancher Menschen großzügig ausfallen, ich halte es hier allerdings im Sinne eines breiten Konsenses gern etwas strenger. Wenn eine CD wie beispielsweise „el Hadra – Mystic Dance“ trotz ihrer Rhythmisierung beim Praxistest überzeugt, mache ich gern auch Ausnahmen von der Regel.
Melodie und Form lassen sich an dieser Stelle vernachlässigen. Ob Musiker eher einen festen kompositorischen Rahmen oder etwas freieren improvisatorischen Ansatz haben, ist als objektives Kriterium nicht relevant. Und die Melodie ist zwar ein äusserst wichtiger Teilbereich der Musik, da sie darüber entscheiden kann, ob uns ein Hörstück gefällt oder nicht – doch ob eine Musik uns im Herzen zu berühren vermag oder nicht, darüber mag ich nicht meinen Verstand entscheiden lassen.

b) Die Realisierung
Als weiteres objektives Kriterium dient mir eine Überprüfung, wie das Ganze spieltechnisch umgesetzt wurde: Wie sauber sind Timing und Intonation? Wie durchdacht Komposition, Arrangement und Aufnahme? Hier hilft mir meine langjährige Erfahrung als Musiker und Tontechniker bei der Einschätzung. Auch weitere praktische Kriterien kommen zum Einsatz wie beispielsweise: kommt die Länge der Stücke den Menschen entgegen, die eine zeitliche Orientierung durch die Musik bevorzugen? Gibt es Zeichen zum möglichen Positionswechsel? Nicht zu vergessen: eine CD kommt nicht allein; die Produktion umfasst auch Booklet bzw. Inlet. Während die Gestaltung des Covers eher eine Frage des Geschmacks ist, kann ich den Rest daraufhin überprüfen, ob er alle zum Kauf relevanten Informationen, ja vielleicht gar einen Lehreffekt enthält, oder eher von Werbung strotzt.

2. Subjektive Kriterien

selbstbehandlunga) Der Praxistest
Der entscheidende Punkt einer Rezension ist stets: erfüllt eine Reiki-CD ihre eigentliche Aufgabe als Begleitung einer Behandlung? Deshalb führe ich damit in der Regel mehrmals eine Selbstbehandlung durch und teste sie womöglich auch bei einem Austauschtreffen. Die zentrale Frage ist: fühle ich mich durch die Musik getragen, sprich: unterstützt sie den Fluß der Reiki-Kraft? Wirkt sie eher uninspiriert und taugt nur als besserer Zeitmesser? Oder wirkt sie sich gar störend auf den positiven Verlauf einer Session aus? Musikbegleitung ist kein Muß. Stille kann ein wundervoller Begleiter sein. Wenn also schon der Einsatz von Musik, dann sinnvoll.

3. Die Empfehlung

Der Praxistest kann also aufgrund seines subjektiven Charakters nur bedingt übertragbar sein. Das ist der Drahtseilakt, den ich bei jeder Rezension aufs neue durchführe. Nur wenn eine CD bei allen Punkten hervorragend abschneidet, empfehle ich sie. Denn die Wahrscheinlichkeit ist dann hoch, daß sie auch anderen Menschen gefallen kann. Entspricht ein Werk meinen objektiven Kriterien nicht vollständig, überzeugt aber beim Hörtest, kennzeichne ich dies entsprechend. Umgekehrt kann die Musik alle formalen Kriterien erfüllen, mich aber beim Praxistest nicht ansprechen. Dann versuche ich herauszufinden, für welchen Hörerkreis sie dennoch in Frage kommen könnte, und kennzeichne dies entsprechend. Nur wenn eine Produktion in beiden Kategorien durchfällt, rate ich in der Regel von ihr ab.

4. Der Auftrag

Manch einer mag sagen: „Wie kannst Du nur urteilen, gar etwas negatives schreiben, warum kannst Du nicht jeden Tonträger in allumfassender Liebe annehmen?“ Abgesehen davon, daß ich denjenigen bitten würde, doch einfach meine Rezensionen in allumfassender Liebe als Ausdruck meines begrenzten Mensch-Seins anzunehmen, widerspricht dies meinem Auftrag. Mit durchgehender Lobhudelei wäre niemandem geholfen: dem Künstler nicht, dem weder Anreiz noch Inspiration zur Verbesserung gegeben würde, und dem Musik-Suchenden nicht, dem eine Rezension als Orientierung auf dem kaum überschaubaren CD-Markt dienen soll.

Ein sehr geschätzter Kollege, der bei einem großen Vertrieb arbeitet, fragte mich einst: „Warum veröffentlichst Du nicht nur die Empfehlungen? Wenn Du eine CD nicht gut findest, schreib nicht über sie.“ Dies wäre sicher eine gute Lösung, um möglichst nicht unangenehm aufzufallen und niemandem wehzutun. Ich persönlich sehe den Auftrag des Reiki-Magazins darin, über alles zu schreiben, was mit Reiki zu tun hat und der Erwähnung wert ist. Gleichzeitig fühle ich mich einem hinterfragendem, unabhängigem und authentischem Journalismus verpflichtet. Wenn ein Tonträger „Reiki“ im Titel trägt oder als „für Reiki-Behandlungen geeignet“ beworben wird, muß ich ihn unter die Lupe nehmen.

Natürlich gibt es Ausnahmen. Zum einen setzt der vorhandene Platz, der Erscheinungsmodus des Magazins und meine Zeitplanung dem Umfang und der Zahl möglicher Rezensionen Grenzen. Zum zweiten habe ich persönliche Grenzen, die ich nicht überschreiten möchte, weil ich sonst vor mir selbst meine Achtung vor dem System nicht gewähren könnte. So lag mir vor Jahren eine CD vor, deren Titel aus dem Kraftsymbol bestand, das auch – lustigerweise spiegelverkehrt geschrieben – das Cover zierte. Für mich haben die Symbole des zweiten und dritten Grades ihren Platz in der persönlichen Praxis und der Lehre der mündlichen Überlieferung. Eine Rezension wäre noch ohne Abbildung des Covers möglich gewesen, aber ohne Nennung des CD-Titels? Also verzichtete ich auf die Besprechung und auch aufs Anhören.

Letztendlich vertraue ich auf die Mündigkeit und Selbständigkeit der Leser. Meine Rezensionen sollen eine Orientierung geben, aber sicher keine absolute Wahrheit vermitteln. Es steht jedem frei, andere Quellen der Meinungsbildung heranzuziehen. Und die beste Möglichkeit besteht immer noch darin, sich eine CD selbst anzuhören, ob bei einem Austauschtreffen, einem Bekannten oder in einem Esoterikgeschäft. Ich kann lediglich Appetit machen auf etwas, das mir gut gemundet hat.

Quellen und Verweise

[1] vgl. hierzu auch meinen Artikel „Musik ist mehr als nur ein schöner Hintergrund“, veröffentlicht im Reiki-Magazin Nr. 1/97
[2] näher erläutert unter http://www.muzik23.de/diplomarbeit-musikalische-gruppenimprovisation/

Dieser Artikel wurde verfasst von Frank Doerr

Intensive Reiki-Praxis seit 1993 und beständige Fortbildung. Seit 1998 Reiki-Meister der 6. Generation in der Linie Usui – Hayashi – Takata – Furumoto – Kindler. Gründer der Reiki Convention (seit 2010) sowie Gründungsmitglied von ProReiki, dem Reiki Berufsverband. Publikationen: Die Reiki-Lebensregeln (Windpferd 2005), Das Reiki-Meister-Buch (Windpferd 2007). CD mit Merlin's Magic: Reiki-Elixier inkl. Booklet (Windpferd 2007).

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