Aspekte der Meister-Schüler-Beziehung – Teil 1: Suchkriterien

Nachdem man sich dazu entschlossen hat, Reiki zu erlernen, stellt sich die wichtigste Frage des angehenden Schülers: bei wem lerne ich Reiki und wie finde ich diesen Menschen?



In der Regel ist es nötig, Reiki bei einem Meister zu erlernen. Oder genauer gesagt: eine Form wie das Usui-System, um mit der universellen Lebensenergie arbeiten zu können. Es mag durchaus möglich sein, durch langjähriges Meditieren und intensive Arbeit an sich selbst einen Zustand zu erreichen, diese Energie auch ohne Einweihung empfangen und weitergeben zu können. Aber dieser Weg verlangt ein hohes Maß an Selbstverantwortung, Disziplin und Bewußtsein – und seine Dauer dürfte sich eher in Jahrzehnten, denn in Jahren oder gar Monaten bemessen. Wer etwas anderes behauptet, ist in meinen Augen ein Blender.

Don Alexander Ein Reiki-Meister hat nun zwei Aufgaben:
Zum einen soll er im Schüler ein Tor aufschließen, ein Tor zum Inneren, so daß der Schüler sich wieder erinnert. Eine Einweihung stellt eine Rückverbindung zu unserer eigenen inneren Quelle dar, so daß wir uns wieder bewußt sind, an die universelle Lebensenergie angeschlossen zu sein und sie kanalisieren zu können. Diese Aufgabe betrifft das Wort Reiki also in seiner energetischen Bedeutung, ist insofern inhaltlicher Natur.
Die zweite Aufgabe betrifft die Form, in die jede Energie gegossen werden muß, wenn man mit ihr arbeiten will. Der Meister muß also in seinem Kurs dem Schüler das notwendige Wissen vermitteln, damit dieser sich auf seinen Weg der eigenen persönlichen Erfahrung und Entwicklung begeben kann. Um Wissen authentisch vermitteln zu können, bedarf es einer möglichst profunden Kenntnis des Systems, das man lehrt, und einer langen intensiven Praxis und Selbsterfahrung. Letzteres gründet bei einem Meister sowohl auf einer langjährigen Schülerpraxis als auch auf beständiger Reflexion seines Selbst und des von ihm praktizierten Systems. Wer sich nach weniger als einer Handvoll Schülerjahren Meister nennt oder von einem Stil zum nächsten springt, läuft Gefahr, an der Oberfläche zu bleiben. Und wer seine Meisterausbildung gar an einem Tag oder Wochenende hinter sich gebracht hat, der mag zwar Symbol und Ritual kennen, aber ist er wirklich in der Lage, einen kraftvollen Samen in den Schüler zu pflanzen? Oder lehrt er nicht eher ein diffus-konturloses Etwas namens „Reiki“, eine formlose Energiepfütze, in der es sich allenfalls nett plantschen läßt?

Wenn der Meister also beides, Form und Inhalt, zu geben hat, kann der Schüler reich beschenkt werden. Insofern ist es völlig egal, ob der Meister nichts dafür verlangt oder einen hohen Betrag. Wichtig ist nur, daß beide Seiten sich einig sind. Ob der Energieausgleich in Form von Geld erfolgt, von Waren- oder Dienstleistungen oder vielleicht gar karmischer Natur ist: niemand außer Schüler und Lehrer als Beteiligte haben darüber zu urteilen. Für den einen Schüler ist es wichtig, als Zeichen seiner Hingabe und Lernwillens viel zu geben, für manchen Lehrer, einen angemessenen Beitrag für ihre eigene intensive Lehre zu erhalten. Manche Schüler können einfach nicht viel geben und manche Lehrer müssen geben, ohne Erwartungen an das Leben, aber vielleicht im Bewußtsein, eine essentielle Aufgabe zu erfüllen. Wer hier andere nicht sein lassen kann, mag wichtige Hinweise für seinen weiteren Entwicklungsweg daraus ableiten.

Sowenig sich die Qualität einer Ausbildung aus der Höhe des Honorars ableiten läßt, so legt die alltägliche Einkaufserfahrung zumindest nahe, daß billige Dinge oftmals tatsächlich nicht viel wert sind, lieblos und schnell gefertigt sind, bald verblassen, zerfallen, kaputt gehen. Und ebenso wissen wir, daß vorgebliche Markenprodukte oft nicht meßbar besser sind als das unscheinbar verpackte Produkt nebenan, das nur die Hälfte kostet. Wie soll ein Schüler sich also zurechtfinden, zumal er oft ein Neuling im System ist?

Frank PetterZunächst einmal muß gesagt werden, daß kein Meister vollkommen ist, ein durch und durch profunder Kenner der Materie, der perfekt mit seinen Schülern umzugehen weiß. Ein Meister, der dies von sich verlangt, setzt sich einem nicht auszuhaltenden Druck aus. Und ein Schüler, der dies erwartet, wird mit seiner Ausbildung nicht glücklich werden. Sicher mag dies keine Entschuldigung dafür zu sein, sich im süßen Nichtstun zurückzulehnen. Aber ich mache immer wieder eine erstaunliche Erfahrung: egal mit welchen Problemen ich mich im Alltag herumschlagen muß, egal an welche Grenzen meiner persönlichen Entwicklung ich mir gerade eine blutige Nase hole: wenn ich einen Kurs gebe, gelingt es mir immer wieder, von Jahr zu Jahr mehr, in einen Raum meiner inneren Meisterschaft einzutreten, in dem ich viele meiner Begrenzungen zurücklasse und – ich hoffe dies für meine Schüler – einfach ein guter Lehrer bin.

Deshalb: ob ein Meister raucht oder nicht, ob er Vegetarier ist oder sich gern an Würstchenbude tummelt, ob er abstinent lebt oder abends mit Freunden ein Glas Wein schlürft, dies sind Äußerlichkeiten, die nichts über seine Qualifikationen aussagen. Ihr könnt daran nicht ermessen, wie er ist, wenn er den Raum seiner inneren Meisterschaft betritt. Dies kann euch nur euer Gefühl sagen, die Stimme eures Herzens.

Leider fällt es uns heutzutage sehr schwer, der Stimme unseres Herzens Gehör zu schenken. Oftmals nehmen wir nur das Rauschen unserer Sorgen und Ängste wahr. Und das, was wir vielleicht für die Stimme unseres Herzens halten, ertönt aus einem völlig anderen Raum unserer Persönlichkeit. Sicherheit ist oftmals also nicht möglich. Deshalb ist es letztendlich nur wichtig, überhaupt eine Entscheidung zu treffen und den eigenen Weg mit allen Konsequenzen zu gehen und dem Bewußtsein, dafür die volle Verantwortung zu übernehmen.

Um überzogene Ansprüche herunterzuschrauben und eine Lähmung der eigenen Entscheidungskraft herunterzuschrauben, gibt es folgende Möglichkeit. Anstatt mich damit zu überfordern, die Stimme meines Herzens hören zu wollen, kann ich einfach sagen: ist mir dieser Meister als Mensch sympathisch? Kann ich mir vorstellen, von ihm zu lernen? Wirkt er auf mich aufrichtig und authentisch? Könnte er das, was er tut, mit Überzeugung und Liebe tun? Diese subjektiven Kriterien kann ich durch objektive unterstützen: Praktiziert er seit mindestens fünf Jahren das System, das ich lernen will? Bietet er einen esoterischen, marktorientierten Kramladen an oder geht er lieber mit wenigem in die Tiefe? Kann seine Ausbildung zum Lehrer einen Mindestzeitraum von beispielsweise sechs Monaten vorweisen? Diese Mischung von subjektiven und objektiven Fragen kann Sicherheit geben und den Entschluß, bei wem man lernen will, etwas einfacher gestalten. Und mit diesen Fragen hat Dein eigener Weg der Hände bereits begonnen.

Dieser Artikel wurde verfasst von Frank Doerr

Intensive Reiki-Praxis seit 1993 und beständige Fortbildung. Seit 1998 Reiki-Meister der 6. Generation in der Linie Usui – Hayashi – Takata – Furumoto – Kindler. Gründer der Reiki Convention (seit 2010) sowie Gründungsmitglied von ProReiki, dem Reiki Berufsverband. Publikationen: Die Reiki-Lebensregeln (Windpferd 2005), Das Reiki-Meister-Buch (Windpferd 2007). CD mit Merlin's Magic: Reiki-Elixier inkl. Booklet (Windpferd 2007).

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