Heilige und Häuptlinge

Oliver Klatt

Oliver Klatt, Reiki-Meister und Herausgeber des Reiki Magazins, richtet das Augenmerk auf ein Thema, dessen Dynamik sich in seiner Beobachtung auch in der Reiki-Szene widerspiegelt.

In einem Buch, das vor rd. 100 Jahren erschienen ist, stellt der US-amerikanische Psychologe und Philosoph William James an einer Stelle die Merkmale zweier sehr unterschiedlicher Menschentypen gegenüber. Dies tut er im Rahmen einer näheren Betrachtung des Themas „Heiligkeit“. Das Buch trägt den Titel „Die Vielfalt der religiösen Erfahrung“. Es geht darin im Wesentlichen um die Reflexion von religiöser Erfahrung als innerpsychischen Prozess.
Das Buch gilt als Meilenstein der Religionspsychologie. Vieles von dem, was James hier auf religiöse Zusammenhänge bezogen äußert, gilt darüber hinaus auch für spirituelle Zusammenhänge. Damit können viele in diesem Buch vermittelten Einsichten – in einem größeren Rahmen – auch für allgemein-spirituelle Betrachtungen hilfreich sein. Bis heute gilt das Buch als unvermindert aktuell. Es ist 1997 neu auf Deutsch erschienen, mit einem Vorwort des bekannten Philosophen Peter Sloterdijk.

Bewunderung

William James, der ein gutes Auge für das Wesentliche hat, spricht da einerseits von einer weit verbreiteten Bewunderung für jene Menschen, die als Kraftmenschen, als „Weltergreifer“ agieren, und nennt diese ganz plakativ „Häuptlinge“. Andererseits benennt er jene, die ihre Spiritualität eher zurückhaltend, aus dem Hintergrund heraus und dennoch wirkungsreich leben – und dafür ebenfalls von vielen bewundert werden – nicht weniger plakativ als „Heilige“.

Ein Merkmal eines „Heiligen“ sei u.a. sein „besonderes Göttlichkeitsempfinden“. „Wer über dieses Empfinden in stärkerem Maße verfügt, entwickelt ganz natürlich die Vorstellung, dass selbst den kleinsten Details dieser Welt aufgrund ihrer Beziehung zu einer unsichtbaren göttlichen Ordnung unendliche Bedeutung zukommt.“

Der Gedanke an eine solche Ordnung bereite dem „Heiligen“ „höchste Zufriedenheit und gibt ihm eine seelische Standfestigkeit, die sich mit nichts anderem vergleichen lässt“. So gesehen ist der „Heilige“ in sozialen Beziehungen vorbildlich. „Er überschlägt sich darin, anderen zu helfen.“ Er kehrt keiner Pflicht den Rücken, wie wenig Dank sie ihm auch einbringen mag. Sein Demut bewahrt ihn „vor den kleinlichen persönlichen Ansprüchen, die unserem gesellschaftlichen Miteinander normalerweise im Wege stehen, und seine Reinheit macht ihn für uns alle zu einem anständigen Gefährten. Glück, Reinheit, Nächstenliebe, Geduld, Selbstdisziplin – diese Vorzüge zeichnen den Heiligen in einer Vollständigkeit aus, wie sie größer nicht denkbar wäre.“

Selbstverständlich sei, so James, auch der „Heilige“ nicht unfehlbar. Wenn z.B. seine intellektuelle Ausrichtung beschränkt sei, verkomme er „zu allen möglichen Formen exzessiver Heiligkeit, zu Fanatismus (…), zu Selbstquälerei, Prüderie, übertriebener Gewissenhaftigkeit, Leichtgläubigkeit und krankhaftem Weltverlust.“

Wille und Gewissen

Nun, so James, gebe es in der Welt natürlich auch „Gegner der heiligen Impulse“. Einer der entschiedensten Gegner war seiner Ansicht nach der deutsche Philosoph Friedrich Nietzsche. Dieser stelle die „heiligen Impulse“ den „weltlichen Leidenschaften gegenüber, wie sie die räuberische Kriegernatur verkörpert, denen er den Vorzug gibt“. Weiterhin stellt James leicht ironisch fest: „Der geborene Heilige hat zugegebenermaßen etwas an sich, was beim Sinnenmenschen Brechreiz auslöst, so dass es der Mühe wert ist, den fraglichen Gegensatz etwas eingehender zu betrachten.“

„Missfallen an der Natur des Heiligen“, so James, „scheint die negative Folge eines biologisch nützlichen Instinkts zu sein, der die Führerschaft begrüßt und den Stammeshäuptling verherrlicht.“ Der „Häuptling“ sei „der potentielle, wenn nicht aktuelle Tyrann, der herrische, übermächtige Raubmensch. Wir bekennen unsere Unterlegenheit und kriechen vor ihm im Staub. Wir zittern unter seinem Blick und sind im selben Augenblick stolz, einen so gefährlichen Herrn unser eigen zu nennen.“

Eine solche „instinktive unterwürfige Heldenverehrung“ sei „im Stammesleben der Urzeit unverzichtbar gewesen“. „In den endlosen Kriegen dieser Zeit waren Anführer für das Überleben des Stammes absolut nötig.“ „Die Führer hatten immer ein gutes Gewissen, denn Gewissen fiel bei ihnen mit dem Willen zusammen, und wer ihnen ins Gesicht sah, war über ihre innere Bindungslosigkeit genauso erstaunt, wie ihn ihre äußere Tatkraft in Ehrfurcht versetzte.“

„Liebe unter Willen“?

Als ich diese Stelle in dem Buch las, wurde mir schlagartig etwas klar, worüber ich im Grunde seit vielen Jahren mehr unbewusst als bewusst innerlich nachgedacht hatte – während ich bislang nie zu einer wirklich auflösenden Einsicht gekommen war. „Gewissen fiel bei ihnen mit dem Willen zusammen … “ Aha!, leuchtete mir ein, das stimmt! Das beschreibt das Agieren der „Häuptlinge“ sehr zutreffend, jedenfalls was meine Beobachtungen dieses Menschentyps angeht. Das Gewissen fällt bei ihnen mit dem Willen zusammen.

Aber … ist es mit einer solchen Haltung überhaupt möglich, in letzter Konsequenz spirituell ausgerichtet zu leben? Ich denke, das dürfte sicherlich schwierig sein. Es sei denn, der betreffende „Häuptling“ wäre vollkommen erleuchtet. Dies wäre wohl der einzige innere Zustand, in dem das Gewissen tatsächlich mit dem Willen zusammenfallen darf, ohne dass dadurch Dinge geschehen, die Leid eher vergrößern als auflösen, aufgrund von egohafter Ausprägung des Willens.
Schließlich kam mir noch ein Motto in den Sinn, das mir bereits vor über 20 Jahren begegnet war – und dem ich damals schon recht skeptisch gegenüber gestanden hatte: „Liebe unter Willen“. Es geht auf den Briten Aleister Crowley zurück, der als eine der umstrittensten Persönlichkeiten in der abendländischen Esoterik gilt. Von vielen als „Schwarzmagier“ bezeichnet, verfolgte er Zeit seines Lebens das Ziel, die Grenzen der Magie und Esoterik zu erweitern. Auch wenn er dies vielleicht mit der besten Motivation tat, so lief dabei jedoch wohl vieles schief, was sich u.a. in Schwächen seiner Persönlichkeit zeigte, wie zum Beispiel in seiner oft zutage tretenden Überheblichkeit und in seiner großen Ich-Aufblähung.

„Liebe unter Willen“ – was soll das nun bedeuten? Bzw. wie soll das gehen? „Liebe mit Willen“, klar, gut vorstellbar: beide zusammen als Team, auf Augenhöhe. Aber „Liebe unter Willen“? Womit kollidiert die Liebe, wenn sie „unter dem Willen“ steht? Mit „bedingungsloser Liebe“ nicht, das muss kein Widerspruch sein. Man könnte auch das Motto „Bedingungslose Liebe unter Willen“ ausgeben.

Jedoch: Wenn „Liebe unter Willen“ steht, dann muss der Wille tatsächlich vollkommen frei sein von egohafter Ausprägung, damit nicht auch Dinge geschehen, die Leid eher vergrößern als auflösen. Ähnlich wie in der zuvor getroffenen Überlegung, dass das Gewissen nur dann mit dem Willen zusammenfallen sollte, wenn ein Mensch tatsächlich erleuchtet ist, damit Leid nicht vergrößert wird, aufgrund von egohafter Ausprägung des Willens.

So gesehen müsste man also schon vollkommen erleuchtet sein, um dieses Motto spirituell so zu leben, dass man sich nicht wie ein Elefant im Porzellanladen aufführt. (Aber: Wer komplett erleuchtet ist, der braucht – glaubt man den Berichten von Menschen, die diesen Zustand wohl erreicht haben – eigentlich gar kein Motto mehr. Hier beißt sich also die Katze in den Schwanz.) Ansonsten wird die Liebe „unter dem Willen“ – so wie das Gewissen, wenn es mit dem Willen zusammenfällt – ein Stück weit (oder auch schon mal sehr weit) verbogen … und verliert dadurch viel an Reinheit – und damit auch von der so essenziellen Verbindung zum spirituellen Kern.

Menschliche Größe?

Aber kommen wir zurück zu dem Buch von William James: Er geht in dem betreffenden Kapitel jetzt dazu über, die „Heiligen“ von den „Häuptlingen“ weiter zu unterscheiden: „Verglichen mit diesen hartschnäbeligen und scharfklauigen Weltergreifern (den „Häuptlingen“, Anm. d. Red.) sind Heilige grasfressende Tiere, zahmes und harmloses Gartengeflügel. Es gibt Heilige, denen jeder, dem es in den Sinn kommt, ungestraft am Bart ziehen kann.“

Aus Sicht von Nietzsche, so James, fehle es dem Heiligen schlicht an Lebenskraft. Und außerdem, so James: Wenn es einem Heiligen an menschlicher Größe fehlt, „kann er in all seiner Heiligkeit bedeutungsloser und verächtlicher wirken, als wenn er ein Weltling geblieben wäre.“ Das sind harte Worte. Sicherlich auch etwas überzogen. (Aber James übertreibt gerne, um zu verdeutlichen.) Und ich denke, da ist auch etwas Wahres dran. Weitere Einsichten tun sich auf.
Schließlich steigt James in die Vollen und kommt zum eigentlichen Kernthema seiner Betrachtung: „Der ganze Streit dreht sich hauptsächlich um zwei Punkte: Sollen wir uns vor allem der sichtbaren oder eher der unsichtbaren Welt anpassen? Und sollen die Mittel unserer Anpassung in dieser sichtbaren Welt Aggressivität oder Widerstandslosigkeit sein?

Eine Frage der Betonung

Die Auseinandersetzung ist ernst. Im gewissen Sinne und bis zu einem gewissen Grade müssen beide Welten anerkannt und berücksichtigt werden; und in der sichtbaren Welt ist beides, Aggressivität und Widerstandslosigkeit, nötig. Es ist eine Frage der Betonung, des Mehr oder Weniger. Ist der Typ des heiligen oder des starken Mannes der idealere?“

Große Fragen, die James hier stellt. Schließlich bemüht er sich noch um eine Auflösung, eine Synthese, indem er darauf hinweist, dass im Ideal der Ritterorden, im Bild des Ritters, beides zusammenfließt, miteinander verschmilzt: das Starke, Weltergreifende der „Häuptlinge“ und das Reine, Selbstdisziplinierte der „Heiligen“.

Reiki-Szene

Warum ich über all das hier schreibe? Seit mehr als 20 Jahren bin ich Teil der Reiki-Szene – und habe viel gesehen in dieser Zeit, auf Reiki-Treffen, den größeren und den kleineren, in Deutschland und in anderen Ländern und Kontinenten. Und ich finde, dass die beiden hier skizzierten Figuren, der „Häuptling“ und der „Heilige“ – man könnte auch sagen: die „Stammesführerin“ und die „Heilige“ – sehr viel mit den Menschen zu tun haben, die Reiki praktizieren. Der (vermeintliche?) Gegensatz zwischen diesen beiden Figuren prägt viele Dynamiken, zu denen es innerhalb der Reiki-Szene kommt. Dabei scheint mir letztlich doch jeder Reiki-Praktizierende „ein bisschen Heilige/r“ und „ein bisschen Häuptling“ zu sein.

Und sicher trifft das auch auf die Praktizierenden vieler anderer spiritueller Szenen zu. Aber, vielleicht durch die besondere Nähe zur Lebensenergie – und damit auch zu deren vitalen Aspekten –, die in der Reiki-Szene größer zu sein scheint als in den meisten anderen spirituellen Szenen, kommt es, so mein Eindruck, in der Reiki-Szene insgesamt doch oft zu mehr Bewunderung für die kraftvollen, weltergreifenden Persönlichkeiten, die „Häuptlinge“ (natürlich nur, wenn diese auch „Heiligenanteile“ in sich haben und sich nicht rein vordergründig schon als vollkommen egohaft outen). Während die „Heiligen“ (ob nun mit mehr oder weniger „Häuptlinganteilen“) in der Reiki-Szene oft eine nicht so große Anerkennung erfahren wie in anderen spirituellen Szenen.

Dabei würde es spirituell gesehen eigentlich Sinn machen, sich mehr an jenen zu orientieren, die spirituell etwas weiter sind. Und, bei allen Defiziten und Fallen, in die die Menschen zuweilen tappen, die mehr „Heilige“ als „Häuptlinge“ sind, so sind sie letztlich oft doch spirituell weiter vorangeschritten als jene, die mehr „Häuptlinge“ als „Heilige“ sind. Dies entspricht jedenfalls meiner Beobachtung (sowohl vor wie hinter den Kulissen).
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Alle Zitate aus: „Die Vielfalt religiöser Erfahrung“, William James, insel taschenbuch, Frankfurt/Main & Leipzig, 1997, S. 374-380

Dieser Artikel wurde verfasst von Oliver Klatt

Oliver Klatt, 1994 in Reiki eingeweiht, erhielt im Jahr 2000 die Meister-Einweihung von Paul David Mitchell (USA). Er ist von Beginn an Mitglied der Redaktion des Reiki Magazins, seit 2001 in der Funktion als Chefredakteur, und gibt Reiki-Seminare in Berlin. Sein Wissen um die Ursprünge von Reiki vertiefte er in Fortbildungen bei Don Alexander (Großbritannien) und Swami Prem Jagran (Italien).

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Eine Antwort zu “Heilige und Häuptlinge”
  1. Vielen Dank an Oliver Klatt für diesen interessanten Artikel!

    In der andinen Tradition der Inka gibt es einen Ausdruck genau für diese Verbindung von Liebe und Wille: MUNAY, die Kraft des Herzens.

    Nach der Inka-Tradition ist im Herzchakra potneziell diese Energie, diese Kraft verankert, die beides miteinander vereint. Damit ist auch gemeint, dass Menschen über die Fähigkeit verfügen, willentlich Liebe zu erzeugen und auch liebevoll ihren Willen auszudrücken.

    Genau hier treffen sich Reiki und Munay. Denn auch die Reiki-Energie wird ebenfalls besonders über die Arme und Hände (die Erweiterung des Herzchakra) weitergegenben.

    Für mich ist Reiki einfach ein anderer Ausdruck für die gleiche Kraft die optimalerweise die Energie des Heiligen und die des Häuptling in Einklang bringt.

    Herzliche Grüße, Munay und Aloha!
    Alexandra Gravina