Licht und Schatten

Ist es nicht ein Witz: Wir kommen auf diese Welt und bauen unsere Persönlichkeit auf wie ein Haus, nur um sie irgendwann niederzureißen, damit wir wieder unter dem freien Himmel des Paradieses leben können. Zum Sterben geboren.
Kommen wir also nun zu etwas ganz anderem.



Vom Schatten…

Eines der wissenschaftlichen Felder aus denen sich mein Beruf als Sozialpädagoge zusammensetzt ist die Soziologie. Dementsprechend beobachte ich mit Interesse gesellschaftliche Entwicklungen: wie sie den Einzelnen beeinflussen und wie sich die Denke und das Handeln des Einzelnen auf die Gesellschaft auswirkt. Ein Spiegel dieser Entwicklungen – wenn auch kein sehr sauberer – sind die Medien. Dabei dominieren seit Wochen Haß und Gewalt in unserem Land die Berichterstattung: von den Angriffen der sogenannten Kampfhunde bis zu den Übergriffen der ihnen geistig verwandten Neonazis. Ebenfalls dazu gehören die Berichte jener Menschen, die aus dem Nichts heraus andere im Blutrausch abschlachten, Steine von Autobahnbrücken werfen oder mal eben aus Langeweile einen anderen Jungen zu Tode trampeln und vor Gericht vor allem durch ihre emotionslose Art erschrecken. Gemeinsam ist allen diesen Vorfällen, daß sie aus esoterischer Sicht den Ruch des Bösen verströmen und zuzunehmen scheinen.

… zum Licht

In weiten Teilen der Esoterik- wie auch der Reiki-Szene bietet sich dem Auge des Beobachters seit Jahren eine andere Entwicklung. Da ist immer wieder von Lichtarbeitern die Rede, von positivem Denken und vor allem von Liebe, Liebe, Liebe. Ein Ausdruck dieser Sehnsucht ist für mich die Abschiedsfloskel vieler E-Mails und Leserbriefe geworden: „Licht und Liebe“.

Im Krieg sind alle Mittel erlaubt

Manche dieser selbsternannten Lichtarbeiter – wie eine Reiki-Meisterin, die ich samt um sich gescharter Herde auf dem Festival in Gersfeld traf – sind auf einem Kreuzzug wider das Böse. Die Wahl der Mittel der Gegenseite wird auch für „das Gute“ als legitim erklärt.
Da sollen die richtigen Reiki-Symbole veröffentlicht werden, weil „das Böse“ sie verfälscht nach außen getragen hat. Da werden Menschen ungefragt oder gar gegen ihren Willen mit Fern-Reiki versorgt, da es ja zu ihrem Besten sei – wodurch eine durchaus magische Handlung mißbraucht und eine ganze Innung in Verruf gebracht wird.

Im Auftrag des Herrn unterwegs

Andere schweben am liebsten in engelhaften Sphären, auf Du und Du mit ihrem höheren Selbst. In rosafarbenes Licht gehüllt wird der Tag mit einer frischgebügelten Aura begonnen, auf den Lippen die letzten Botschaft eines Aufgestiegenen Meisters. Wenn es sich dann auch noch um einen Menschen weiblichen Geschlechts jenseits der 35 handelt, die ihre AuraSoma-Collection mehr pflegt als ihre Sinnlichkeit, dann ist das Klischee perfekt.

Alles ist in uns

Mein zentraler Kritikpunkt an diesen Auswüchsen ist die Separation. Die einen suchen, finden und bekämpfen das Böse im Außen. Daß es in einem solchen Kampf nur Verlierer geben kann, daß durch solche Kämpfe der Gegner nur gestärkt wird und der gangbare Weg darin bestünde, dieses „Böse“ als einen Teil von sich selbst zu erkennen, wird übersehen.

Die anderen, die nur noch in der heilen Welt des Lichtes leben wollen, führen ihren Krieg, indem das „Böse“ – wie beispielsweise ihre Fleischeslust – möglichst geleugnet und ignoriert wird. Während die einen also mit angelegter Lanze und heruntergeklapptem Visier ihr eigenes Spiegelbild attackieren, werkeln die anderen hingebungsvoll an einer Mauer zwischen ihrem Wollen und ihren Bedürfnissen.

Beam uns nachhaus

Mit diesen durchaus provozierenden Äußerungen mag ich niemanden verunglimpfen. Es ist ein hehres und würdiges Ziel, das Leid in dieser Welt vermindern und Gutes tun zu wollen. Ich erkenne die Menschen an, die beispielsweise Reiki in Krisenregionen senden oder gar mit Einsatz von Leib und Leben der Menschheit dienen. Aber ist es wirklich sinnvoll?

Vieles erscheint mir wie eine Spirale des Leids: Menschen hungern – man versucht diese Leid zu vermindern, indem man ihnen zu essen gibt – sie überleben, vermehren sich und noch mehr Menschen hungern, leiden, sterben. Was gut gemeint war, bringt noch mehr Leid hervor. Könnte man ob dieser Sinn- und Hilflosigkeit nicht verzweifeln? Letztendlich verstehe ich all dieses menschliche Bestreben, das Paradies auf Erden zu verwirklichen, als unsere Sehnsucht, etwas Verlorenes, Wohlbekanntes zurückzugewinnen. Wir sind alle kleine E.T.’s, die einfach nach Hause wollen.

Die Gnosis

Als bislang einzige brauchbare Landkarte in all dem diffusen Gerede von höheren Ebenen ist mir im abendländischen Kulturkreis die Gnosis begegnet. Nach meinem bescheidenen Verständnis besagt sie folgendes:

Es gibt zwei Welten, die göttliche und die dialektische. Die erstere durchdringt alles, die letztere umfaßt Diesseits und Jenseits, wo wir als lebende und tote Wesen in einem Kreislauf existieren. Alles, unsere grob- und feinstofflichen Körper, ob Naturseele oder das vielzitierte Höhere Selbst, gehören der Dialektik und damit der Vergänglichkeit an. Einzig unser nach Befreiung rufender innerer Kern ist göttlich. Solange wir diesem Ruf nicht nachkommen und den schweren Pfad bis zur Wiederauferstehung gehen, solange stecken wir in der Dialektik fest.

Der Geist, der stets das Gute will

Ich verstehe diese dialektische Welt mit all ihren Gegensätzen wie Gut und Böse als eine gigantische Waage, die nach Gleichgewicht strebt. Für jede gute Handlung, die auf diesem Planeten vollzogen wird, ereignet sich auch etwas schlechtes und umgekehrt. Es ist richtig, seinem inneren Ruf zu folgen und nicht noch mehr Leid in die Welt zu setzen. Aber wir sollten uns nicht der Illusion hingeben, daß es auf dieser Welt eines Tages besser wird. Auch ich werde nicht tatenlos zusehen können, wenn ein Mensch in der S-Bahn einen anderen schlägt. Aber ich versuche wenigstens in dem Bewußtsein zu handeln, daß sich auf dieser Erde weiterhin Menschen gegenseitig Leid zufügen aus Dummheit, Gier, Vorurteilen, Angst oder Haß. Wir haben diese Form der Existenz gewählt und solange wir nicht alle wieder zu Göttern oder Erleuchteten geworden sind, wird sich daran nichts ändern.

Dieser Artikel wurde verfasst von Frank Doerr

Intensive Reiki-Praxis seit 1993 und beständige Fortbildung. Seit 1998 Reiki-Meister der 6. Generation in der Linie Usui – Hayashi – Takata – Furumoto – Kindler. Gründer der Reiki Convention (seit 2010) sowie Gründungsmitglied von ProReiki, dem Reiki Berufsverband. Publikationen: Die Reiki-Lebensregeln (Windpferd 2005), Das Reiki-Meister-Buch (Windpferd 2007). CD mit Merlin’s Magic: Reiki-Elixier inkl. Booklet (Windpferd 2007).

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