Mit Hand, Herz und Hirn

Nachdem ich beschlossen hatte,

meinen Weg mit Reiki weiter zu vertiefen, d.h. ein Meister im Usui-System der natürlichen Heilung zu werden, setzten bei mir einige tiefgreifende Prozesse ein. Einer davon besteht darin, Klarheit über meinen eigenen Standpunkt zu erhalten. Dies bedeutet eine Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Ansichten zur Reiki-Praxis.



Ein Beispiel

Im Sommer 96 begab ich mich zu meiner Bank, um finanzielle Dinge bezüglich meiner Meisterausbildung zu regeln. Ausgerechnet dort fiel mir das Prospekt einer Reiki-Meisterin in die Hände. Ich fand es sehr wunderlich, daß auf der Vorderseite des Infos ein Symbol prangte, das – abgesehen davon, daß es sowieso nichts mit Reiki zu tun hatte – meines Wissens nach die schwarzmagische Variante eines magischen Zeichens darstellte.

An gleichen Abend noch rief ich die Meisterin an. Sie dankte mir für meine Information und schien aus den besten Absichten heraus gehandelt zu haben. Da aus dem Prospekt hervorging, daß sie auch Meister ausbildet, fragte ich sie, seit wann sie denn den Lehrergrad hat. Die Antwort war: seit Anfang 96.

Ich war erstaunt. Wie kann jemand, der gerade begonnen hat, Menschen in Reiki einzuweihen, schon selbst Meister ausbilden? Ein Lehrer muß doch Erfahrungen aufweisen, mit und an seinem Lehrerdasein gewachsen sein, bevor er andere Lehrer ausbildet. Doch eine inhaltliche Auseinandersetzung war mit dieser Frau nicht möglich. Denn sie antwortete mir, daß es sich für sie gut und richtig anfühlt.

Ich habe diesen Satz schon oft gehört und um ihn geht es mir hier.

Echte Wahrnehmung oder Selbsttäuschung?

Ich frage mich: ist das, was sich für mich gut und richtig anfühlt, wirklich gut und richtig? Schon oft habe ich die Erfahrung gemacht – und im Laufe meines Reiki-Lebens immer öfter -, daß mein Herz oder meine Körperintelligenz das Richtige taten. Mein Kopf wäre in diesen Momenten nur hinderlich gewesen – wie schon oft in meiner Vergangenheit.

Häufig hielt ich auch etwas für richtig, doch täuschte ich mich selbst und handelte in Wirklichkeit aus egoistischen Beweggründen. So kann man Reiki-Lehrer ausbilden wollen, weil es gut ist für das Selbstwertgefühl oder das Portemonnaie. Um sich über die tatsächlichen Beweggründe sicher zu sein, muß man schon einen langen Weg der Selbstfindung gegangen sein.

Solange mein Handeln nur mich betrifft, trage ich die Folgen allein. Das ist okay und mag einen wichtigen Lernprozeß darstellen. Doch wenn es um die Ausbildung eines Reiki-Lehrers geht, trägt derjenige eine enorme Verantwortung. Wenn ich höre, daß es Reiki-Meister gibt, deren Stammlinie seit Phyllis 15 Stationen umfaßt, und dies innerhalb von zwei Jahren, graut es mir. Und ich frage mich: welche Energie tragen solche Meister noch in sich?

Hinterfragen ist unerwünscht

Was mir im Gespräch mit jener Meisterin noch auffiel, war die Tatsache, daß meine Fragen als lästig empfunden wurden. Nachdenken und Hinterfragen scheint in der Esoterik- und auch in der Reikiszene oftmals unerwünscht zu sein. Doch wenn wir auch in unserer Kultur unter den Folgen einer einseitigen Betonung der Ratio leiden, dann heißt das doch nicht, daß wir unseren Kopf ganz abschalten müssen. Ich glaube, daß Kopf, Herz und Bauch Hand in Hand gehen sollten.

Daran hielten sich schon die keltischen Druiden: Die mentalen, emotionalen und vitalen Energien wurden gestärkt und harmonisiert, damit der Mensch in Einklang mit sich selbst und der Natur gefestigt seinen Weg weitergehen konnte. Nur so ist ein ganzheitliches spirituelles und persönliches Wachstum möglich. Dies sollten auch wir ReikianerInnen nicht vergessen.

Dieser Artikel wurde verfasst von Frank Doerr

Intensive Reiki-Praxis seit 1993 und beständige Fortbildung. Seit 1998 Reiki-Meister der 6. Generation in der Linie Usui – Hayashi – Takata – Furumoto – Kindler. Gründer der Reiki Convention (seit 2010) sowie Gründungsmitglied von ProReiki, dem Reiki Berufsverband. Publikationen: Die Reiki-Lebensregeln (Windpferd 2005), Das Reiki-Meister-Buch (Windpferd 2007). CD mit Merlin’s Magic: Reiki-Elixier inkl. Booklet (Windpferd 2007).

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