Tradition und Form

Reiki Tradition
Angeregt durch einige Gespräche im Reikiland-Chat entschied ich mich, ein paar Gedanken über den Sinn und Unsinn von Tradition in Worte zu fassen – ein Thema das auch, oder gerade für, Reiki von Bedeutung ist. Die Frage was Tradition dem Wortlaut nach ist, lässt sich schnell beantworten, ein Blick ins Lexikon genügt bereits. Doch ist der Begriff "Tradition" alles was es zu finden gibt? Sicherlich nicht.

Im Grunde genommen ist es falsch von "der" Tradition zu sprechen, gibt
es doch viele, seit langer Zeit bestehende Lehren, deren Lehrer und
Praktizierende alle das Wort "traditionell" für sich in Anspruch nehmen
können. Der Einfachheit halber wird deshalb im weiteren Text im
Singular von "der Tradition" als Oberbegriff für verschiedene Lehren
gesprochen werden.

In einer Zeit, in der immer schneller neue Dinge in Erscheinung treten
(oft mit genau der selben Geschwindigkeit wieder verschwinden) und in
der "neuer ist besser" nicht nur zur Grundlage des "Geiz ist
geil"-Denkens geworden ist, stellt sich für manchen die Frage, welchen
Wert Tradition noch hat. Was den "Wert" einer Sache betrifft, so wird
in der Regel hauptsächlich an Geld gedacht. Bereits Oscar Wilde
bemerkte dazu: "Heut kennt man von allem den Preis und von nichts den
Wert"

Ohne das viel diskutierte Thema Geld erneut aufgreifen zu wollen und
auszuschlachten, kann man zumindest über einen deutlichen Gegensatz
nachdenken: Den Preis für den traditionellen Unterricht in einer Kunst
mag man oft nur selten zahlen, gleichzeitig stehen Stühle aus dem 17.
Jhdt als vielgeschätzte Antiquitäten hoch im Kurs.

Ist das Alte also durchaus geachtet, nur wird Eigenbemühung
gescheut? Wenn die Ware anderswo billiger, der Kurs in der VHS
günstiger ist – wird dann Tradition als Umweg zum Ergebnis gesehen?

Um den Bezug nun etwas näher an Reiki herzustellen:

Was macht traditionelle Lehren für den modernen Menschen attraktiv?

Beinahe selbstverständlich macht Traditionsbewusstsein, das
Gefühl an etwas ehrwürdigem, fast magischem Teil zu haben, einen Reiz
aus, sich auf traditionelle Art und Weise in einer Kunst ausbilden zu
lassen.

Klar definierte Formen bieten ein Gefühl der Sicherheit.
Werden traditionelle Formen erlernt, seien es nun die genau
vorgeschriebenen Handgriffe in der japanischen Teezeremonie, oder die
Handpositionen bei einer Reikibehandlung.

Hat der Praktizierende erst einmal die formelle Technik
verinnerlicht, so ist er in der Lage sich zu entspannen. Auf diese
Weise, mit entspannter Achtsamkeit, kann seine Intuition ganz natürlich
in sein Handeln einfliessen. In seiner Praxis geht er über die bloße
Technik hinaus und findet sich selbst in seinem Tun.

Als Einwand mag an diesem Punkt vorgebracht werden, dem Schüler könnte
so auch unabsichtlich die unbegründete Angst mitgegeben werden,
womöglich etwas "falsch zu machen", weil er die Technik noch nicht
völlig beherrscht.

Tatsächlich liegt es hier in der Verantwortung des Lehrers, die
traditionelle Form als hilfreiche Stütze und nicht als dräuendes
Damoklesschwert zu vermitteln.

Damit ist auch ein weiterer Punkt genannt, der die Praxis einer "alten Kunst" attraktiv machen kann – Die Präsenz eines Lehrers.
Selbstverständlich kann man sich an diesem Punkt sofort auf die
Kritikpunkte eines traditionellen Meister-Schüler Verhätnisses stürzen.
Zu den negativen Argumenten die vorgebracht werden gehören unter
anderem: Die völlige oder teilweise Aufgabe der Eigenverantwortung
durch den Schüler, die Gefahr einer emotionalen oder psychischen
Abhängigkeit (auch beider Seiten voneinander), Egomanie und
Manipulationen des Lehrers etc.

Dennoch wünschen sich viele Menschen einen menschlichen Lehrer der
ihnen traditionelles Wissen vermittelt, sie anleitet und in ihrer
Praxis unterstützt. Dabei kann es sich um einen hinduistischen Guru,
den Dorfpfarrer, einen Psychotherapeuten – oder eben einen erfahrenen
Reikimeister handeln.

Sicher mag es weitere Gründe geben eine Kunst auf eine bestimmte
überlieferte Weise zu erlernen, die obigen Punkte sollen an dieser
Stelle jedoch genügen.

Das Für und Wider der traditionellen Formen

Zunächst einmal darf Tradition als Leitfaden nicht starr sein.
Wirkliche Tradition ist Bewegung, sie ist lebendig und lebt durch ihre
Praktizierenden. Erstarrt die Form und erneuert sich diese Lehre nicht
von innen heraus, dann wird sie selbst ein Hindernis für jene, die
Entwicklung durch sie suchen.

Dabei wird gerade die Weitergabe von Lehren in traditioneller Form
oft als Strenge und damit als starr empfunden, lässt sie dem
Praktizierenden doch keinen Raum zum "persönlichen Ausdruck" der
heutzutage vielen Menschen über alles zu gehen scheint.

Nicht zuletzt aus diesem Grund, dem Gefühl eingeschränkt zu werden,
wenden sich viele von überlieferten Formen ab, um ihren "eigenen Stil"
zu finden, oder die traditionelle Lehre zu "erweitern" etwa um sie
zeitgemäßer zu gestalten.

Vielfach kritisiert wird ausserdem die mangelnde Toleranz jener, die
ihre Haltung nicht ändern und an altem Ausdruck festhalten. Dieser
stete Blick auf das Alte mag in vielen Fällen tatsächlich
erzkonservativ sein und geradezu fanatische Züge annehmen.

Nicht umsonst wird aber eine mehrfach erprobte und für gut befundene
Sache als "altbewährt" bezeichnet – das Alte wurde "bewahrt" da es für
sinnvoll und nützlich erachtet wurde, sich gegen anderes, weniger
hilfreiches, "wehren" konnte – ganz einfach weil es immer "wahr" blieb
und keiner Veränderung bedurfte.

Das Ziel traditioneller Formen.

Wie zuvor gesagt ist wahre Tradition lebendig, kann sich selbst
kritisch betrachten und ist dazu in der Lage, unwesentliches und
überholtes, das nicht mehr im Einklang mit den Wahrheiten in den
eigenen Lehren ist, loszulassen.

Wird Tradition solcherart gelebt, kann der Schüler in alten Formen neue Bedeutung für das Leben im Hier und Jetzt finden.


Weitere Diskussion im Reiki-Forum unter Tradition und Form
Artikel von Lichtchen,  Foto von mmulibra

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