3.0.1 Forschung – Wissenschaftstheoretischer Exkurs

Reiki WissenschaftDie vorliegende Arbeit befasst sich mit Phänomenen, die aus Sicht herrschender wissenschaftlicher Lehrmeinungen unmöglich sein sollten und von daher als paranormal bezeichnet werden. Da Ewigkeit wissenschaftlichen Theorien jedoch nicht vergönnt ist und die hier untersuchten Phänomene alternative Erklärungsansätze betrachtenswert erscheinen lassen, sollen zunächst einige Randbedingungen der Entwicklung wissenschaftlicher Theorien näher beleuchtet werden.



Thomas Kuhn (1999) prägte 1962 den Begriff des wissenschaftlichen Paradigmas, arbeitete die verbreitete Betrachtungsweise wissenschaftlichen Fortschrittes im Sinne der linearen Akkumulation „wissenschaftlicher Tatsachen“ als fragwürdig heraus, und stellte ihr eine historisch-soziologisch-evolutionäre Sichtweise gegenüber.

Laut Kuhn wird „normale“ Wissenschaft von wissenschaftlichen Gemeinschaften betrieben, die in ihren grundlegenden Sichtweisen und Methoden eines definierten Forschungsbereiches übereinstimmen, bzw. in Kuhns Terminologie Anhänger desselben wissenschaftlichen Paradigmas sind. Die mit diesem Begriff bezeichneten Metatheorien können einen engeren Geltungsbereich haben, also eher eine Art wissenschaftlicher Schule darstellen, oder sie können einen weiteren Geltungsbereich in der Art eines vollständigen Weltbildes umfassen. Für den reibungslosen Ablauf des wissenschaftlichen Alltagsbetriebs müssen Paradigmen nicht unbedingt formuliert werden, und solange keine gravierenden Anomalien auftreten, werden sie den meisten ihrer Anhänger nicht einmal bewusst.

Da es sich um stillschweigende Übereinkünfte von sozialen Gruppen handelt, sind Paradigmen jedoch auch sozialen Gruppenprozessen unterworfen. Tritt nun vermehrt inkongruente empirische Evidenz zu Tage, so gerät das herrschende Paradigma in eine Krise. Hält diese an, so macht sich Unsicherheit unter den Anhängern breit, die Offenheit für neue Ideen nimmt zu, und wenn ein alternatives Paradigma zur Verfügung steht, kann dieses zunehmend in Konkurrenz zum herrschenden Paradigma treten.

Der Wettstreit zwischen verschiedenen Paradigmata kann laut Kuhn jedoch nicht durch Beweise entschieden werden. Wo von unterschiedlichen Grundannahmen ausgegangen wird, besteht häufig inhaltliche Inkommensurabilität, und da jedes Paradigma aus der Perspektive der eigenen Grundannahmen heraus verteidigt wird, sind die Argumente beider Parteien notwendig zirkulär. Die Entscheidung darüber, welches Paradigma sich durchsetze, werde laut Kuhn deshalb nur bedingt auf Basis der wissenschaftlichen Empirie gefällt, sondern stelle maßgeblich einen sozialen Prozess dar, in dem es vor allem darauf ankomme, welche Seite mehr Anhänger hinter sich bringen könne: „Wie bei politischen Revolutionen gibt es auch bei der Wahl eines Paradigmas keine höhere Norm als die Billigung durch die jeweilige Gemeinschaft.“ (Kuhn, 1999, S. 106).

Habe ein Paradigmenwechsel erst einmal stattgefunden, so sei auch die bisherige wissenschaftliche Evidenz einem Gestaltwandel unterworfen. Die Betrachtung der bekannten alten Objekte mit denselben hergebrachten Messinstrumenten bringe durch die neue paradigmatische Perspektive auf einmal andere Ergebnisse.

Kuhn sieht aufgrund dieser sozialen Determiniertheit wissenschaftlicher Paradigmen weder in Verifikations- noch in Falsifikationsverfahren eine überzeugende Methode der Überprüfung und stellt den Prozess wissenschaftlichen Fortschrittes eher als eine Art Evolution wissenschaftlicher Ideen dar, welche sich zwar grundsätzlich weiterentwickeln, von denen aber keine einen Anspruch auf Absolutheit oder Dauerhaftigkeit erheben kann.

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