Reiki und evidenzbasierte Medizin

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Im dritten Teil des Essays „Reiki und Naturwissenschaft“ unternimmt Patrick Grete einen Streifzug durch die evidenzbasierte Medizin und beschreibt neue Ansätze, um Reiki in der Medizin Anerkennung zu verschaffen. Dabei wirft er einen neuen Blick auf den Placebo-Effekt, der zu Unrecht negativ bewertet wird und in der Behandlung von Depressionen mit Antidepressiva eine entscheidende Rolle spielt.

4 Reiki und die evidenzbasierte Medizin

4.1 Der idealtypische Weg zu einer neuen Erkenntnis in der evidenzbasierten Medizin

Zu Reiki und Schulmedizin existiert ein lesenswertes Buch von Oliver Klatt und Norbert Lindner [8], in dem auch viele Arbeiten zitiert werden. Im Berufsverband ProReiki wird der wissenschaftlichen Untersuchung von Reiki dezidierte Aufmerksamkeit gewidmet (http://www.proreiki.de/reiki-und-mitgliedschaft/reiki-und-wissenschaft). Auch andere Reiki-Meister wie Dr. David Bolius veröffentlichen regelmäßig zu diesem Thema im Reiki-Magazin. Ich möchte daher hier nicht das gesamte Thema wiederholen, sondern gezielt auf einzelne Aspekte eingehen.

Medizin blickt auf eine Jahrtausend alte Geschichte zurück und ist heute stark professionalisiert und akademisiert. Dies bedeutet, dass die rationale Wissenschaft auch in der Medizin einen wichtigen Eckpfeiler darstellt, auch wenn Ärzte Therapiefreiheit besitzen und somit auch Therapien anwenden dürfen, die nicht wissenschaftlich belegt sind. Da ärztliche Behandlungen jedoch viel Geld kosten und in Deutschland durch eine Solidargemeinschaft getragen werden, werden in der Regel nur solche Therapien von Krankenkassen bezahlt, die wissenschaftlich anerkannt sind.

Der Weg zu dieser Anerkennung ist lang und schwierig, denn es müssen Evidenzen (also Beweise) für die Wirksamkeit einer Therapie oder eines Medikaments bei einem gewissen Krankheitsbild erbracht werden. Ein Weg dazu kann beispielsweise so aus sehen: Ein Arzt entdeckt bei seiner Arbeit (in der so genannten „therapeutischen“ oder „klinischen Praxis“), gewisse Zusammenhänge zwischen therapeutischen Handlungen und vorteilhaften Heilungsverläufen. Er wird diese dann gut dokumentieren, als Beobachtungen im Fachkollegium besprechen und Forschungsthesen daraus ableiten. Diese Thesen müssen nun in qualitativ hochwertigen, medizinischen Studien untersucht werden. Die Qualität von solchen so genannten Interventionsstudien bemisst sich unter anderem an folgenden Eigenschaften:

  • Die Studie muss kontrolliert sein. Das heißt, dass die Wirkung der Behandlung in Bezug auf eine andere Gruppe von Patienten bestimmt werden muss. Diese andere Gruppe muss mit etwas anderem behandelt werden.
  • Die Studie muss randomisiert sein. Das heißt, dass die Studienteilnehmer per Zufall in ihre jeweilige Untersuchungsgruppe eingeordnet werden.
  • Die Studie muss verblindet sein. Man unterscheidet einfache und doppelte Verblindung. In der ersten wissen die Patienten nicht, in welcher Gruppe sie sind. In der doppelten Verblindung weiß auch der Behandler nicht, in welcher Gruppe was getestet wird.
  • Es müssen weitere Randbedingungen erfüllt sein. So werden Studien von der Fachwelt nur anerkannt, wenn sie in Forschungsinstituten durchgeführt wurden. Die Teilnehmerzahl muss groß genug sein, um statistische Methoden anwenden zu können. Zudem muss die Studie sehr gut dokumentiert sein und insbesondere muss erklärt sein, wenn Studienteilnehmer die Studie abbrechen.

Selbst wenn eine Studie randomisiert-kontrolliert, doppelt verblindet und exzellent dokumentiert von Experten durchgeführt und in einem anerkannten Fachjournal veröffentlicht wurde, so wird dessen Ergebnis noch nicht vollständig anerkannt. Dies liegt an der verwendeten Statistik (und leider gibt es keine besseren wissenschaftliche Methoden). Die für die Untersuchung verwendeten statistischen Methoden gestatten Aussagen nur mit einem bestimmten Konfidenzintervall von meistens 95%. Das bedeutet, dass bei vielen gleichartigen Studien dieser Art 95% dieses Ergebnis zeigen werden, aber 5% das Gegenteil zeigen werden. Es wurde aber nur eine Studie durchgeführt und daher weiß man nicht, ob das Ergebnis nun zu den 95% oder den 5% gehört. Es könnte sich also um eine echte Wirkung oder um ein so genanntes falsch-positives Ergebnis handeln. Um das zu unterscheiden werden Meta-Studien durchgeführt, wo viele Studien mit einem vergleichbaren Forschungsgegenstand nach gewissen Qualitätskriterien untersucht werden. Nur wenn Meta-Studien zeigen, dass ein medizinisch relevanter Effekt vorliegt (also die Mehrheit eine Wirkung zeigt), wird die Wirkung anerkannt. Bei der Auswahl der miteinzubeziehenden Studien wird auf die obigen Eigenschaften sehr genau geachtet. Ist eine Studie nicht doppelblind wird sie meistens nicht berücksichtigt. Ist die Randomisierung oder Verblindung nicht gut dokumentiert, oder ist die Teilnehmerzahl gering, oder sind Studienabrüche nicht gut dokumentiert, so wird diese Studie meistens nicht berücksichtigt – völlig unabhängig vom Ergebnis der Studie.

4.2 Oberflächlicher evidenzbasierter Blick auf Reiki

Mit diesen Anforderungen im Hintergrund könnte man die Diskussion über Reiki leicht beenden: Es gibt nur wenige Meta-Studien, die nicht eindeutig auf eine Wirkung von Reiki hinweisen. Die Aussage ist umgekehrt formuliert auch richtig: Es gibt keine wissenschaftlichen Beweise, dass Reiki wirkungslos ist. Es ist also noch Forschung nötig, um diese Frage weiter zu klären. So sachlich richtig, neutral und ausgewogen findet es sich aber in populäreren Darstellungen nicht. Wenn man solche Studien tendenziöser (und damit eigentlich auch manipulativer) darstellen möchte, dann kann man den Fokus darauf legen, dass eine Meta-Studie ergab, dass die Studien mit positiven Ergebnis „entscheidende methodische Schwächen“ aufwiesen (s. beispielsweise im deutschen Wikipedia-Artikel https://de.wikipedia.org/wiki/Reiki). Der Wissenschaftler weiß dann, dass die Studien bestimmte Eigenschaften (s.o.) nicht aufwiesen. Der Laie hat jedoch gegebenenfalls den Eindruck, dass die Studien unwissenschaftlich ausgeführt wurden und bringt dies wahrscheinlich damit zusammen, dass es sich bei Reiki um ein nicht-wissenschaftliches, esoterisches Thema handelt, von dem er die Finger lassen sollte. Man sieht hier rationalistische Manipulation in ihrer deutlichen Form und wenn sich ein solcher Rationalist dann weiteren Fragen konfrontiert sieht, braucht er – taktisch klug – nur auf pseudowissenschaftliche Untersuchungen und nicht seriöse Reiki Meister verweisen. Das beantwortet zwar nicht die Frage nach der wissenschaftlichen Aussage der Studie, aber es bekräftigt den zweifelhaften Nimbus und die negative Konnotation von Reiki. Hier ist Differenzierung gefragt und wie wir hier sehen auch dringend nötig. Es steht außer Zweifel, dass Reiki im pseudowissenschaftlichen Bereich „untersucht“ wird und dass im Vergleich dazu die ernsthaften, wissenschaftlich redlichen und fairen Untersuchungen häufig unbekannt sind. Dieser Umstand sagt nichts über die wissenschaftliche Untersuchung aus, aber er macht es für Wissenschaftler verständlicherweise schwieriger, sich in das Gebiet der wissenschaftlichen Untersuchung von Reiki hinein zu wagen.

Wie der Titel dieses Abschnitts sagt, ist die kurze Aussage zu Reiki von oben ein oberflächlicher Blick von der Warte der evidenzbasierten Medizin. Er bedarf einer Einordnung und muss in einem diskussionswürdigen Kontext gesetzt werden. An letzterem Punkt unterscheide ich Wissenschaft von Ideologie und gleichsam Spiritualität von Dogmatismus: Wissenschaft und Spiritualität sind mit letztgültigen und von allen Bedingungen unabhängigen (mithin absoluten) Wahrheiten unvereinbar.

Ich möchte daher im Folgenden auf den ideologischen Gehalt und die Herkunft der evidenzbasierten Medizin und ihrer Methoden eingehen. Dabei geht es nicht darum, evidenzbasierte Medizin zu diskreditieren, aber ihr Kontext muss reflektiert werden. Wie bei der naturwissenschaftlichen Untersuchung (s.o.) muss man sowohl die Aussagen selbst würdigen, als auch die Grenzen ihrer Aussagekraft kennen. Eines ist aus der Diskussion aber schon klar geworden: In der Diskussion muss sehr genau auf viele Details geachtet werden, bevor eine Studie in einer Diskussion gewertet wird. Hier sind Laien natürlich im Nachteil und sie verlieren daher meist in Diskussionen mit dogmatischen Naturalisten. In solchen Diskussionen ist es daher wichtig alle Details auch zu benennen und plakative Aussagen als unzulässige Verkürzung nicht zu zulassen. Dadurch besteht die Chance, den ideologischen Hintergrund dieser Verkürzung sichtbar zu machen.

4.3 Hintergrund und ideologischer Gehalt der Anforderungen der evidenzbasierten Medizin

4.3.1 Unmittelbar einleuchtende Anforderungen

Einige Anforderungen der evidenzbasierten Medizin sind meines Erachtens (und was ich in Diskussionen gemerkt habe) unmittelbar einleuchtend. Natürlich muss am Anfang der Untersuchung eine klar formulierte und untersuchbare These stehen. Es muss die verwendete Methodik klar definiert sein und die Untersuchung selbst muss nachvollziehbar dokumentiert sein, damit jemand anderes die Untersuchung nachvollziehen kann. Wenn nicht ganz klar ist, was untersucht wird, mit welcher Methodik dies geschieht und was dort genau gemacht wurde, dann hat jemand anderes keine Möglichkeit, die Schlüsse des Autors der Studie nachzuvollziehen.

4.3.2 Sachlich erklärbare Anforderung: Randomisierung

Einzelfälle sind einzelne Fälle und gestatten keinen allgemeinen Schluss darauf, dass etwas wirkt oder nicht. Aber wie diese Vielzahl von Fällen zusammengesetzt sein sollen, gibt die evidenzbasierte Medizin vor: Die Teilnehmer müssen zufällig ausgewählt werden und die Wirkung muss immer im Vergleich mit einer anderen Behandlung untersucht werden. Reine Beobachtungsstudien an behandelten Gruppen werden ebenfalls nur als Indiz, nicht als Evidenz gewertet. Damit das nicht so abstrakt klingt ein konstruiertes Beispiel: Marc Bendach behandelt im Unfallkrankenhaus Berlin Patienten mit Reiki. Die Rückmeldungen sind durchweg positiv und von der klinischen Praxis her darf seine Arbeit als Erfolg gewertet werden. Selbst wenn er dies noch Jahrzehnte machen würde und tausende von Patienten – anhand von Krankenakten dokumentiert – mit erheblicher Linderung oder Heilung das Krankenhaus verlassen würden; dieses Ergebnis würde nicht als Evidenz anerkannt werden, da die Patienten die Behandlungsmethode selbst wählen können und nicht per Zufall zu Reiki kommen. Die Studie wäre nicht randomisiert und hätte damit aus der Sicht der evidenzbasierten Medizin „erhebliche methodische Schwächen“ und würde in keiner Meta-Studie auftauchen. Mithin würde der oben erwähnte, oberflächliche evidenzbasierte Blick auf Reiki bestehen bleiben: Für die Wirkung gibt es keinen (im Sinne der evidenzbasierten Medizin) anerkannten Beweis. Anders lautende Studien (wie zum Beispiel eine Beobachtungsstudie am UKB) haben (gemessen am Gold-Standard der evidenzbasierten Medizin) erhebliche methodische Schwächen. In einem kurzen Statement würde ein Rationalist die einordnenden Klammern der letzten beiden Sätze weglassen.

Das ist auf dem ersten Blick eine paradoxe Situation: Auf der einen Seite ein Behandlungserfolg in der klinischen Praxis, auf der anderen Seite harte wissenschaftliche Anforderungen, die diesen Erfolg nicht anerkennen lassen. Wir müssen uns die, auf den ersten Blick seltsamen, Anforderungen nach Randomisierung und Verblindung genauer anschauen.

In dem sehr lesenswerten Buch „Methodik klinischer Studien“ von Schumacher und Schulgen [9] wird zur Randomisierung (S. 3) auf die Salk-Polio-Studie in den USA 1954 eingegangen. Dabei stand man vor dem Problem, dass man einen Impfstoff gegen Kinderlähmung testen wollte und dabei eine stark schwankende Erkrankungsrate aus den Vorjahren vorliegen hatte. Schumacher und Schulgen beschreiben die Überlegungen, die letztlich eine Randomisierung erforderlich machten. Wenn man eine freiwillige Teilnahme an der Studie angesetzt hätte, bei dem alle Teilnehmer das Mittel bekommen hätten, dann hätten sich besonders gesundheitsbewusste Eltern viel häufiger gemeldet. Das Ergebnis aus dieser Gruppe könnte man nicht mehr mit den Vorjahren vergleichen und hätte das Ergebnis verfälscht. Man ließ also die Eltern die Teilnahme erklären und ordnete sie zufällig in zwei Gruppen ein. Damit waren vermutete sozio-ökonomische Einflüsse ausgeschlossen. Angewendet auf den oben konstruierten Fall beim UKB: Man kann nicht ausschließen, dass sich nur besonders für Reiki offene Patienten einer Behandlung unterziehen und daher die Ergebnisse verfälscht werden. Da die Wirkung einer Behandlung allgemein untersucht werden muss, muss man die Wirkung zwischen zwei Gruppen untersuchen und wer in welche Gruppe landet muss dabei rein zufällig sein.

4.3.3 Verblindung und der Placebo-Effekt

Während die Randomisierung damit hinreichend motiviert und auch historisch begründet ist, verbleibt die Frage nach der Notwendigkeit der Verblindung. Warum darf weder der zufällig gewählte Patient, noch der jeweilige Therapeut wissen, ob er die Kontrollgruppe oder die Therapiegruppe behandelt. Die Antwort lautet: Aufgrund des Placebo-Effekts. Der Placebo-Effekt bezeichnet dabei die Tatsache, dass die Wirkung einer Therapie davon abhängt, ob der Patient eine gute Zuwendung vom Arzt bekommt oder nicht. Selbst wenn der Patient nicht weiß, ob er ein Medikament bekommt oder nicht, so wirkt auf ihn das Wissen des Arztes. Es ist unbestritten, dass es solche Placebo-Effekte gibt. Bei der Behandlung ist der Behandlungserfolg also zum einen von dem zwischenmenschlichen Einfluss zwischen Arzt und Patient und zum anderen auf die physiologische Wirkung des verabreichten Stoffes zurück zu führen.

Wir alle sind sehr vertraut mit dieser Aufteilung der Wirkung und ebenso mit der Bewertung der jeweiligen Teile. Zugespitzt formuliert: Nur der physiologische Teil der Wirkung wird als „echt“, „objektiv“ oder gar „real“ angesehen. Der Placebo-Anteil hat einen eher abschätzigen Beigeschmack. Er wirkt willkürlich, ausgedacht, unecht oder gar als ein Betrug. Diese geläufige – aber sicherlich zugespitzt formulierte – unterschiedliche Bewertung beider Wirkungsanteile ist bemerkenswert. Beide Anteile sind objektiv messbar. Natürlich ist die Heilungsaussicht besser, wenn Medikamente benutzt werden, die neben der Placebo-Wirkung auch eine physiologische Wirkung haben und daher sollten vornehmlich solche physiologisch wirksamen Medikamente eingesetzt werden, aber inwiefern ist die Placebo-Wirkung unecht oder sonst wie negativ zu bewerten?

Meiner Ansicht nach ist diese Wertung nur vor einem materialistischen Hintergrund verständlich. Für den Materialisten ist nur Materie wirklich real und alles andere muss sich darauf zurückführen lassen oder ist eben nicht real (oder höchstens ein Epiphänomen). Mit diesem Weltbild wird der Placebo-Effekt – der sich nicht auf etwas Materielles wie ein Stoff zurückführen lässt – als willkürlich bewertet. Natürlich ist er nicht willkürlich, sondern objektiv messbar; er lässt sich eben nur nicht auf rein materielle Elemente reduzieren. An dieser Stelle ist wichtig zu verstehen, dass dieses Weltbild – nur auf die materielle Ebene reduzierbare Effekte sind real – nicht wissenschaftlich beweisbar ist (siehe Kapitel 2), sondern die Ansicht ihrer Vertreter ist. Es ist per se auch nichts daran verwerflich ein solches Weltbild (oder irgendein anderes) zu haben. Es ist aber nur ein Weltbild und kann nicht die gleiche Gültigkeit beanspruchen wie beispielsweise wissenschaftliche Erkenntnisse.

4.3.4 Vorläufiges Fazit

Wir sind in diesem Kapitel mit der medizinischen Aussage gestartet, dass es derzeit keinen anerkannten Beweis für die Wirksamkeit von Reiki gibt. Wir haben hinterfragt, was diese Aussage denn eigentlich heißt und haben dabei die verschiedenen Anforderungen der evidenzbasierten Medizin kennengelernt. Es war dabei wichtig, die Anforderungen sowohl inhaltlich zu verstehen, als auch ihre medizin-historische Herkunft zu sehen: Alle Anforderungen sind wohl begründet und haben ihre geschichtlichen Ursachen. Mit diesem Wissen ist auch der ideologische Gehalt der Anforderungen klar erkennbar und er zeigte sich am deutlichsten beim Placebo-Effekt. Der Placebo-Effekt ist objektiv messbar, aber trotzdem wird bei der Aussage über die Wirksamkeit lediglich die über den Placebo-Effekt hinausgehende Wirksamkeit als die wahre Wirksamkeit angesehen. Das ist in mehrfacher Hinsicht interessant, so dass wir uns diesem Thema neu widmen müssen.

4.4 Ein vertiefter Blick auf den Placebo-Effekt

4.4.1 Umfang und Auswirkungen des Placebo-Effekts

Der Umfang des Placebo-Effekts schwankt je nach Krankheit. Auch schwankt die Empfänglichkeit für Placebo zwischen verschiedenen Menschen. So gibt es Krankheiten wie beispielsweise Fußpilz, wo ein Placebo-Effekt nahezu unbekannt ist und es gibt Krankheiten wie Parkinson, bei der ganz erhebliche Placebo-Effekte bekannt sind. Wenn also in abwertender Form von einem Placebo-Effekt die Rede ist, dann sollte immer nach der Größe des Effekts gefragt werden und wie stark der Placebo-Effekt bei der jeweiligen Krankheit im Vergleich zu anderen Behandlungen (egal ob mit pharmakologisch wirksamen Stoffe oder Placebos) bei der selben Krankheit ist.

Ein anschauliches Beispiel ist hier die Parkinson-Krankheit. Fuente-Fernandez und andere [10] haben bei Parkinson Erkrankten, die mit Placebos behandelt wurden festgestellt, dass deren Gehirne selbst das benötigte Dopamin herstellen. Einige Patienten waren sogar nahezu beschwerdefrei. Die wissenschaftlich korrekte Aussage, dass hier nur ein Placebo-Effekt vorliegt bedeutet in diesem Fall, dass die Patienten plötzlich selbst ein Medikament im Körper herstellten und die Beschwerden deutlich zurück gingen.

Mir ist nicht bekannt, wie groß der Placebo-Effekt von Reiki bei Parkinson ist, aber nehmen wir für die wesentliche Überlegung einmal für den Moment an, dass er sich nicht von dem hier untersuchten Effekt in der Auswirkung unterscheiden würde. Ein Reiki-Therapeut würde Parkinson Patienten mit Reiki behandeln und es träten Heileffekte auf. Wenn man die Patienten dann (wie in der zitierten Studie) per Positronen Emissions Tomografie untersucht hätte, hätte man festgestellt, dass sie das fehlende Dopamin selbst hergestellt hätten. Würden diese Patienten aufgrund dieses Erfolgs dann selbst Reiki praktizieren, dann wäre vorstellbar, dass sie mit deutlich geringeren Krankheitssymptomen und Medikamentenkonsum ihr Leben gestalten könnten. Wenn Studien nun ergeben würden (ich kenne keine derartigen Studien), dass Reiki-Behandlungen bei Parkinson nicht von Placebos unterschieden werden könnten, dann bedeutet diese Aussage eben NICHT, dass kein oder nur ein geringer Heilungseffekt vorliegt. Dieses Beispiel zeigt, dass Placebos ganz erhebliche Heilungseffekte auslösen können und damit – je nach Größe des Heileffekts – zum Repertoire eines guten Arztes mit dazu gehören (sollten).

Bei Placebos sollte zudem auch genau auf ideologisch feinere (und damit schwerer zu entdeckende) Formulierungen geachtet werden. Gängige Definitionen von Placebos lauten, dass es Darreichungen sind, in denen es keine pharmakologisch wirksamen Anteile gibt. Nach dieser Definition ist Reiki immer ein Placebo, da Lebensenergie keine Substanz im pharmakologischen Sinne ist. Nach so einer Definition kann Reiki schon rein sprachlogisch keine Wirkung jenseits des Placebos haben.

Wir sehen, dass die Bewertung einer Heilwirkung sehr stark von impliziten Annahmen abhängt. Viele Studien zeigen bei Reiki nur wenig Hinweise, dass seine Wirkung über ein Placebo hinaus geht. Daraus mag die evidenzbasierte Medizin den Schluss ziehen, dass Reiki keine Wirksamkeit hat. Wir wissen also dass die evidenzbasierte Medizin die „Null-Linie der Wirksamkeit“ an die obere Grenze des Placebos legt. Ich frage aber auch danach, wo diese neue Null-Linie im Verhältnis zur Nicht-Behandlung liegt. Wenn Studien ergeben, dass ein Medikament eine Heilwirkung von insgesamt 60% hat und davon aber 50% Placebo-Effekt ist, dann deutet diese Studie einerseits auf eine Heilwirkung des Medikaments hin. Andererseits ist 50% der Wirkung ohne das Medikament möglich. Das mag man von evidenzbasierter Seite für eine nicht-pharmakologisch begründete Scheinwirkung halten, aber es ist der Nachweis für einen Heileffekt von 50%. Durch welches Placebo nun die Wirkung ausgelöst wird, ist aus meiner Sicht per se nachrangig. Wichtig ist, was dem Patienten jeweils hilft. Wenn es Reiki ist, besteht der Vorteil in jedem Fall darin, dass man keine Tabletten von Pharmaunternehmen kaufen muss, sondern sich nur die Hände auflegen muss.

Spannend wäre in so einem Zusammenhang der Vergleich von verschiedenen Placebos, also beispielsweise Reiki und Placebo-Tabletten. Vielleicht ist bei Reiki die „Placebo-Wirkung“ besonders hoch, vielleicht sprechen auch besonders viele Menschen darauf an. Das wären spannende Forschungsfragen.

Bei diesen Untersuchungen muss dann aber genau zwischen „statistischer Signifikanz“ und „medizinischer Relevanz“ unterschieden werden, was beizeiten aus verschiedenen, teilweise ideologischen Gründen nachlässig gemacht wird. Es kann beispielsweise sein, dass die Heilwirkung von Reiki in einer Studie bei 23% liegt und das Placebo 20% erreicht. Dieser Unterschied ist – je nach Datenlage – statistisch signifikant. Diese geringfügig höhere Heilwirkung mag aber aus medizinischer Sicht nicht relevant sein. Beide Aussagen sind richtig, aber je nach eigener Interessenlage kann durch Auslassung einer von beiden Aussagen eine andere Schlussfolgerung gezogen werden. Spreche ich nur von statistischer Signifikanz, dann würde ich mit den harten Mitteln der Mathematik die Wirksamkeit von Reiki in Vordergrund stellen, auch wenn sie in diesem hypothetischen Beispiel medizinisch nicht relevant ist. Spreche ich nur von vernachlässigbarer medizinischer Relevanz, dann unterschlage ich den kleinen, aber ggf. vorhandenen Effekt von Reiki.

4.4.2 Ursache des Placebo-Effekts

Es mag verblüffen, aber eine wirklich schlüssige naturwissenschaftliche Erklärung des Placebo-Effekts gibt es bis heute nicht. Es wurde bislang noch keine materielle Ursache dafür gefunden, wie der Zuspruch des Arztes beim Patienten eine Linderung oder Heilung auslöst. In Fällen, bei denen das Krankheitsempfinden vom Patienten selbst abhängt – etwa das Schmerzempfinden auf einer subjektiven Skala – gibt es zumindest einen Ansatz: Der Zuspruch bewirkt ein positives Allgemeinbefinden und wenn es einem subjektiv besser geht, dann wird auch Schmerz als nicht mehr so intensiv wahrgenommen. Da allerdings eine naturwissenschaftliche Ursache des Geistes noch nicht gefunden ist, ist dieses Ergebnis zwar verständlich, aber nur von geringem Erklärungswert.

In der Medizin beruft man sich bei der Ursache des Placebo-Effekts vielfach auf zwei aus der Psychologie stammende Effekte: Die klassische Konditionierung und der Erwartungseffekt. Im Grunde handelt es sich dabei um zwei sehr ähnliche Phänomene: Bekannt ist der Pawlow‘sche Hund, der immer etwas zu Essen bekam, wenn eine Glocke klingelte. Bevor ein Hund isst, läuft ihm das Wasser im Maul zusammen und da er immer zu Essen bekam, wenn die Glocke klingelte, lief ihm alsbald das Wasser im Maul zusammen, wenn er die Glocke hörte. Es passierte sogar, wenn er dann kein Essen bekam: Er war konditioniert. Er erwartete das Essen. Ähnlich wird auch beim Placebo-Effekt argumentiert. Wir seien daran gewöhnt, dass es uns besser geht, wenn wir ein Medikament in Pillenform nehmen und daher tritt auch eine Linderung/Heilung ein, auch wenn gar kein Wirkstoff enthalten ist. Wir erwarten eine positive Wirkung und deshalb träte sie ein. Bei genauerer Betrachtung ist das eine recht magische Argumentation und ferner greift sie nicht im oben genannten Beispiel von Parkinson. Wenn es eine konditionierte Reaktion des Körpers auf Medikamente gibt, dann bestünde sie darin, dass die Leber Stoffe produziert, die das Medikament abbauen. Das ist auch die analoge Wirkung beim Pawlow‘schen Hund: Der Speichel zersetzt Teile der erwarteten Nahrung. Im oben genannten Beispiel produziert aber das Gehirn den benötigten Wirkstoff selbst. Analog müsste der Hund plötzlich ein Sättigungsgefühl entwickeln und gar kein Essen mehr wollen. Das ist aber offensichtlich nicht der Fall. Es bleibt bei der aktuellen Lage, dass es für den Placebo-Effekt keine naturwissenschaftliche Erklärung gibt und dass hieran noch viel Forschungsarbeit zu erledigen ist.

4.4.3 Anerkannte Placebo-Therapien – trotz oder gerade wegen des naturalistischen Weltbilds

Die bisherigen Ausführungen können zur Schlussfolgerung führen, dass nahezu reine Placebo-Therapien nicht als anerkannte Therapien gelten. Nur Medikationen, die im evidenzbasierten medizinischen Sinne wirksam sind – also eine Wirkung deutlich oberhalb des Placebo-Effekts besitzen – werden eingesetzt und von der Solidargemeinschaft getragen. Wir arbeiteten den naturalistischen Hintergrund – nur materielles ist real, nur natürliche Ursachen sind real – heraus. Daher mag es überraschen, dass dies in einem erheblichen Umfang nicht der Fall ist: Die Rede ist von der Behandlung von Depressionen mittels Antidepressivas. Depression ist eine weit verbreitete Krankheit – gemäß Zahlen der Psychotherapeutenkammer NRW erkrankt einer von fünf Menschen im Laufe eines Lebens an Depression (https://www.ptk-nrw.de/de/mitglieder/publikationen/ptk-newsletter/archiv/ptk-newsletter-spezial/zahlen-fakten-depression.html). Von vielen Ärzten wird dazu die Serotonin-Erklärung erzählt: An der Depression sei hauptsächlich ein mangelnder Serotonin-Spiegel im Gehirn Schuld – man selbst könne also gar nichts daran ändern oder müsse sich gar mit den Tiefen seiner Seele beschäftigen. Das ist für viele Patienten eine große Entlastung und sie passt gut zum materialistischem Zeitgeist, der alles auf Materie – in diesem Falle die Konzentration eines Neurotransmitters – zu reduzieren sucht. Die Studienlage ist bei dieser Volkskrankheit sehr gut und ebenso eindeutig: Der Serotonin-Spiegel alleine hat keinen Zusammenhang mit der Depression. Das kann man daran ersehen, dass sich die Wirksamkeit von Antidepressiva NICHT unterscheidet, egal ob sie den Serotoninspiegel erhöhen, verringern oder gar nicht beeinflussen. Die therapeutische Wirkung von Antidepressiva im Vergleich zur jeweiligen Kontrollgruppe ist zwar statistisch signifikant, aber so gering, dass sie kaum als medizinisch relevant einzustufen ist.

Diese Ergebnisse sind mit dem Namen Irving Kirsch verbunden, der dazu 2008 eine erste Arbeit [11] in einem wissenschaftlichen Journal veröffentlichte und damit Furore machte. Kurz danach veranlasste ihn ein Verlag, diese Ergebnisse als Buch mit dem Titel „The Emperor’s New Drugs: Exploding the Antidepressant Myth“ zu veröffentlichen. Seit fast einem Jahrzehnt tobt ein erbitterter Streit in der Fachwelt – nicht zuletzt deshalb, weil mit Antidepressiva viel und jedes Jahr mehr Geld verdient wird. Nach dieser Zeit spricht kaum noch etwas für die Serotonin-These oder dass Antidepressiva eine medizinisch relevante Wirkung jenseits des Placebo-Effekts haben. Einen lesenswerten Überblicksartikel aus 2014 von Kirsch in der Zeitschrift für Psychologie ist sehr zu empfehlen [12]. Er ist auch kostenfrei im Internet zu finden (https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC4172306/). Jenseits der Fachwelt wurde dieses Thema in einigen Radiofeatures einem breiteren Publikum bekannt gemacht, wie etwa im Beitrag von Deutschlandradio Kultur vom 6.10.2016 (http://www.deutschlandfunkkultur.de/antidepressiva-und-ihre-wirksamkeit-tabletten-gegen-die.976.de.html?dram%3Aarticle_id=367696).

Spannend an dieser Diskussion in Bezug auf Reiki ist einerseits die Diskussion über die Frage, warum Antidepressiva einen so großen Placebo-Effekt haben. Kirsch vertritt hierbei die These, dass dies an den Nebenwirkungen liege. Der Patient spüre Nebenwirkungen und erwartet damit auch eine Wirkung, die ihm zudem sehr plausibel ist (Stichwort Serotonin-Spiegel). Antidepressiva fallen damit in die besondere Klasse der so genannten aktiven Placebos. Das sind Placebos, die nicht einfach keine Wirkung haben (wie beispielsweise reine Zuckertabletten), sondern die spürbare Wirkungen irgendeiner Art erzeugen. Bei Reiki werden die Hände spürbar (und real) warm. Der Patient merkt also dass etwas passiert, was dann der Auslöser für einen Placebo-Effekt sein könnte.

Andererseits ist spannend, wie in der Fachwelt auf den Umstand reagiert wird, dass Antidepressiva kaum mehr als Placebos sind. Man setzt sie nämlich trotzdem weiterhin ein und nimmt keineswegs davon Abstand, dass sie von der Solidargemeinschaft getragen werden. In dem o.g. Radiobeitrag wird Prof. Dr. Tom Bschor, Chefarzt der Abteilung Psychiatrie der Schlosspark-Klinik Berlin und Sprecher der AG Psychiatrie in der für die Anerkennung von Arzneimittel in Deutschland zuständigen Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft mit folgender, erstaunlichen Aussage zitiert:

„Wenn wir sagen, ein Großteil der Wirkung eines AD ist ein Placebo-Effekt, dann ist das ja ein Effekt, das ist ein positiver Effekt. Im Sinne des Patienten, ist es deswegen denn ärztlich falsch, wenn man ein Medikament mit einem großen Placebo-Effekt gibt? Hoffnung auslösen, das hat immer schon zur Heilkunst gehört. In einer indianischen Kultur, wenn ich es mir mal laienhaft vorstelle, sind vielleicht schamanische Rituale wirksam, um einen Selbstheilungsprozess auszulösen und nicht eine chemische Tablette wie bei uns. Bei uns würden die schamanischen Rituale nicht sehr gut als Placebo funktionieren. Aber letztlich macht man was ähnliches.“

Antidepressiva lösen also einen zum materialistischen Zeitgeist passenden Placebo-Effekt aus. Wir wissen, dass es wirksame Medikamente gibt, wir haben eine sehr vereinfachte und verständliche, rein mechanische Erklärung für Depressionen und Antidepressiva sollen dort sinnvoll eingreifen. Daher gibt es einen verständlichen, relativ großen Placebo-Effekt (klein ist nur der Teil jenseits des Placebo-Anteils). In einer anderen Kultur müsste man den Placebo-Effekt wohl anders auslösen; Prof. Dr. Bschor nennt hier selbst schamanische Rituale. Wichtig sei eben nicht die Tatsache, dass die Wirkung einen großen Placebo-Anteil hat, sondern dass die Wirkung selbst hinreichend groß ist.

4.4.4 Die Natur von Reiki und die Auswirkungen auf das Studiendesign

Wir haben in den Absätzen dieses Unterabschnitts viele interessante Aspekte von Placebo-Effekten kennengelernt, die uns bei der Einordnung von Studienergebnissen und in Diskussionen helfen können. Eine Placebo-Wirkung ist eine real messbare Wirkung. Es besteht kein Grund, sie als eingebildet oder willkürlich zu bezeichnen. Die evidenzbasierte Medizin interessiert sich nur für den Anteil der Wirkung, der jenseits der Placebo-Wirkung liegt. Das ist per se auch in Ordnung, sagt aber nichts über die Größe des Placebo-Anteils aus. Am Beispiel der Antidepressiva haben wir sogar ein konkretes Beispiel kennengelernt, wo die Vertreter der Medizin selbst diese Sichtweise haben und nach der Größe der Gesamtwirkung fragen (auch wenn diese fast ausschließlich aus Placebo-Effekt besteht).

Kalligrafie des Reiki Schriftzeichen mit freundlicher Genehmigung von Dr. Mark Hosak (CC-BY-NC-ND)

Kalligrafie des Reiki Schriftzeichen mit freundlicher
Genehmigung von Dr. Mark Hosak (CC-BY-NC-ND). Der untere Teil von Rei
(zwei waagerechte Linien mit einer senkrechten Linie mit zwei gleichen
Zeichen links und rechts der senkrechten Linie) heißt jap. fu oder zu
deutsch „Schamanin“. Es setzt sich aus den Zeichen kô für arbeiten und
hito für Mensch zusammen. Die Schamanin wird also beschrieben durch die
Arbeit zwischen zwei Menschen.

Ob Reiki nur eine Placebo-Wirkung hat oder eine Wirkung jenseits von Placebos ist noch eine offene Frage und eröffnet ein ganzes Forschungsfeld, da diese Frage pro Krankheit neu gestellt werden müsste. Ob diese Wirkung dann statistisch signifikant und medizinisch relevant ist, ist ebenfalls jeweils zu klären. Für mich stellt sich jedoch zusätzlich die Frage, ob man Reiki wie ein Medikament testen sollte, wo es doch offensichtlich kein stoffliches Medikament ist. Auch der Ansatz, die Wirkung von Reiki jenseits des Placebos zu erforschen erscheint mir teilweise fragwürdig. Wenn man den Placebo-Effekt nicht abwertend als eine Art Betrug ansieht, dann bezeichnet er einen Effekt, der durch die kümmernde Hinwendung des Therapeuten zum Patienten entsteht. Erinnern wir uns an das Reiki-Schriftzeichen. Im unteren Teil von Rei finden wir das Schriftzeichen für Schamanin, das aus den Schriftzeichen für Arbeit zwischen zwei Menschen besteht. Ich sehe hier eine andere Beschreibung für die Hinwendung zum Patienten, die ganz deutlich mitten im Schriftzeichen für Reiki steckt. Bei einer Medizin in Tablettenform mag man sich fragen, wie groß die Wirkung von dem Medikament alleine ist – ohne Placebo-Effekt. Reiki ist aber keine Tablette. Reiki ist meines Erachtens ohne die Hinwendung des Therapeuten zum Patienten kaum zu denken. Usui hat sich meiner Ansicht nach etwas dabei gedacht, seine Methode Reiki zu nennen, in dessen Schriftzeichen die Zeichen für die Arbeit zwischen zwei Menschen ein wesentlicher Bestandteil ist.

Bei der Diskussion um Studien sollte also neben der Frage, ob die Dinge richtig gemacht werden, auch die Frage gestellt werden, ob man die richtigen Dinge tut. Die Erkenntnis, dass Reiki kein stoffliches Medikament ist, sollte sich auch im Studiendesign niederschlagen.

Ein solches Studiendesign muss nicht neu erfunden werden, denn Studien zur Wirksamkeit von nicht-stofflichen Interventionen sind in der Psychotherapie völlig normal. Der Hauptunterschied besteht darin, dass die Studien nicht mehr doppel-blind sind, sondern höchstens einfach verblindet: Zwar kann man vor dem Patienten geheim halten, welche Behandlung er bekommt, aber ein Behandler einer Psychotherapie weiß immer, welche Therapie er anwendet. Ein Arzt, der Medikamente verabreicht muss das nicht wissen.

Ferner stellt sich die Frage, was ein echtes Placebo im Vergleich zu Reiki ist. Natürlich kann man einen nicht eingeweihten Menschen Handpositionen zeigen und er legt die Hände dann auf. Aber verhindert diese Versuchsanordnung, dass er Reiki gibt. Nur weil er keinen gefestigten Kanal hat, der verhindert, dass er seine eigene Energie gibt, heißt das ja nicht, dass er gar keine heilsame Energie gibt. Dadurch dass er spielt, sich dem anderen zu zuwenden, wendet er sich zu. Mag sein, dass er nicht so gezielt Energie fließen lässt und dass sie nicht so heilsam und rein ist wie Reiki und dass er sich nach der Studie ausgelaugter fühlt als der echte Reiki Therapeut (etwas was in diesen Studien niemals abgefragt wird). Aber ist es wirklich korrekt zu behaupten, dass er keine Energie gibt, die eine Wirkung auf den Patienten hat? Hierzu kann man verschiedene Standpunkte einnehmen. In jedem Fall zeigt sich aber, dass die Wahl eines Placebos bei Reiki nicht trivial ist. Wie wir am Beispiel der Antidepressiva gesehen haben, ist das kein Reiki-spezifisches Problem, denn durch die deutlichen Nebenwirkungen wird von Forschern, wie dem zitierten Irving Kirsch, die Frage gestellt, ob in den doppelblinden Studien eine Verblindung gebrochen wird. In den Studien, die Kirsch heran gezogen hat, bei denen hinterher die Teilnehmer gefragt wurden, was sie denn glaubten, in welcher Gruppe sie gewesen seien, kam heraus, dass weit mehr als die statistisch erwartbaren 50% der Teilnehmer richtig lagen. Die Trefferquote lag in einer Studie sogar bei erstaunlichen 89%. Auch wenn die Studie ordnungsgemäß doppel-blind konstruiert wurde, so ist sie hinsichtlich ihrer Aussagekraft doch nicht doppel-blind gewesen.

Diese differenzierte Sichtweise zu Placebos hat potentiell verschiedene Auswirkungen, von denen wir hier zwei nennen wollen. Die erste betrifft unsere Auffassung von Krankheit. Wir teilen Krankheiten gerne in körperliche und psychische Krankheiten auf. Es bedeutet einen nicht unerheblichen Schritt, beispielsweise bei einer Studie zur Wirksamkeit von Reiki bei Brustkrebs eine Studie zu designen wie bei einer Psychotherapie. Krebs ist keine psychische Erkrankung, sondern schlägt sich in einem Tumor im Körper nieder. Die zweite Auswirkung betrifft Meta-Studien. Wenn man anerkennt, dass Studien zu Reiki keine doppelte Verblindung besitzen müssen, muss man die doppelte Verblindung auch nicht als Auswahlkriterium für die Betrachtung in einer Meta-Studie heranziehen. Gegebenenfalls ändert sich das Ergebnis, wenn man randomisiert-kontrollierte Studien mit einfacher Verblindung für Meta-Studien heranzieht und sie nicht wegen vermeintlicher methodischer Mängel ausschließt.

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Gliederung

Dieser Artikel enthält Teil 3 des Essays. Der Link zu den anderen Teilen befindet sich in dieser Gliederung.

Teil 1: Reiki, naturwissenschaftliche Arbeit und naturalistische Weltbilder

  • 1 Einleitung
  • 2 Naturwissenschaftliche Arbeit und naturalistische Weltbilder

Teil 2: Naturwissenschaftliche Ansätze zu Reiki

  • 3 Naturwissenschaftliche Ansätze zu Reiki
  • 3.1 Was ist naturwissenschaftlich überhaupt an Reiki zugänglich?
  • 3.2 Temperatur und Hautleitwert bei einer Reiki-Behandlung
  • 3.3 Exkurs 1: Biophotonen
  • 3.4 Exkurs 2: Methoden von Ignat Ignatov
  • 3.4.1 Kirlian Fotografie und Reiki
  • 3.4.2 Die Differential-Non-Equilibrium Energy Spectrum Methode und Reiki
  • 3.4.3 Zur Person Ignatov
  • 3.5 Vorläufiges Fazit und welche naturwissenschaftliche Fragen noch offen sind

Teil 3: Reiki und evidenzbasierte Medizin

  • 4 Reiki und die evidenzbasierte Medizin
  • 4.1 Der idealtypische Weg zu einer neuen Erkenntnis in der evidenzbasierten Medizin
  • 4.2 Oberflächlicher evidenzbasierter Blick auf Reiki
  • 4.3 Hintergrund und ideologischer Gehalt der Anforderungen der evidenzbasierten Medizin
  • 4.3.1 Unmittelbar einleuchtende Anforderungen
  • 4.3.2 Sachlich erklärbare Anforderung: Randomisierung
  • 4.3.3 Verblindung und der Placebo-Effekt
  • 4.3.4 Vorläufiges Fazit
  • 4.4 Ein vertiefter Blick auf den Placebo-Effekt
  • 4.4.1 Umfang und Auswirkungen des Placebo-Effekts
  • 4.4.2 Ursache des Placebo-Effekts
  • 4.4.3 Anerkannte Placebo-Therapien – trotz oder gerade wegen des naturalistischen Weltbilds
  • 4.4.4 Die Natur von Reiki und die Auswirkungen auf das Studiendesign

Teil 4: Erscheint im Oktober 2017

  • 5 Fazit: Chancen und Möglichkeiten von Reiki in der medizinischen Praxis anerkannt zu werden

Bildnachweis: sdecoret – @Fotolia.com

Dieser Artikel wurde verfasst von Patrick Grete

Patrick (Jahrgang 1981) ist promovierter Physiker und hat über nicht-lineare Systeme, stark korrelierte Elektronensysteme und Beschleunigerphysik gearbeitet und sich auch in der Wissenschaftstheorie weiter gebildet. Er übte Ninjutsu (nach Sensei Hatsumi) aus und kam 2000 zum Zen-Buddhismus. Er ist seit 2005 Reiki-Praktizierender und hat bei verschiedenen Reiki-Lehrern westliches Reiki erlernt und auch verschiedene Weiterentwicklungen kennen gelernt.

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2 Antworten zu “Reiki und evidenzbasierte Medizin”
  1. Hallo Patrick,

    vielen Dank für diesen umfangreichen und gleichzeitig in vielerlei Hinsicht aussagekräftigen Artikel. Dass das Thema Placebo bodenständig im Zusammenhang mit Reiki beleuchtet wird, habe ich mir schon lange gewünscht. Denn sehr oft höre ich die Annahme, dass man an Reiki glauben müsse, dass es wirkt oder eh alles nur ein Placebo ist. Nun habe ich hier etwas, worauf ich die Leute dann verweisen kann, was den einen oder anderen zum Denken anregen dürfte.

    Besonders herausstechend finde ich einige Aussagen, auf die ich so bisher noch nicht gekommen bin:
    Erstens, dass es offenbar keinen Beweis über eine Studie gibt, die zeigt, das Reiki nicht funktioniert. Das ist ein bemerkenswerter Umkehrschluss dafür, dass in Studien Reiki immer eine Wirkung zeigt und es meines Wissens nicht vorkam, dass es keine Wirkung gibt. Das ist auch ein schönes Argument für diejenigen, die versuchen, Reiki als Humbug und Esoterik abzutun.

    Zweitens, dass bisher immer nur die Reiki-Empfänger über ihre Befindlichkeit befragt wurden, nicht aber die Therapeuten.

    Und drittens, dass im Doppelblind-Verfahren auch bei dem, der eine Reiki-Anwendung durch Auflegen der Hände vortäuscht, obwohl er nicht in Reiki eingeweiht ist, durchaus Lebensenergien wie etwa die eigene abgeben kann und auch die Zuwendung eine Rolle spielt.

    Alle drei Aspekte sind für mich neue Felder der Diskussion in und ausserhalb von Studien.

    Vielen Dank dafür.
    Dr. Mark Hosak

  2. Patrick Grete Patrick Grete sagt:

    Lieber Mark,

    vielen Dank für Deinen Kommentar. Es freut mich, wenn ich Dich auf neue Gedanken bringen konnte. Zu Deinen drei Punkten habe ich folgende Anmerkungen:

    1) Meiner Kenntnis nach testen sog. kontrollierte Studien immer gegen eine andere Intervention (und sei es auch, dass dort nur Hände von einem Schauspieler aufgelegt werden). Bei so einem Setting kann ja nur rauskommen, dass Reiki besser oder schlechter als das in der Vergleichsgruppe angewendete Verfahren ist. Es ist also immer eine relative Aussage, die auf die andere Gruppe bezogen wird.

    Wer aus so einer Studie eine absolute Aussage wie „Reiki funktioniert gar nicht“ herausliest, der stellt das Studienergebnis mindestens stark verkürzt, wenn nicht tendenziös dar (–> das mach ein guter Wissenschaftler nicht).

    Man könnte also aus einer kontrollierten Studie lediglich herauslesen, dass Reiki schlechter als X funktioniert. (X ist hier irgendwas anderes, was als Referenz genommen wurde). Wenn man nun eine Placebo-Kontrollierte Studie (mit einem Schauspieler) machte und dabei heraus käme, dass Reiki schlechter wirkt als Schauspielerei, wäre das sehr verblüffend (da es ja dann ein negativer Effekt wäre). Meiner Kenntnis nach haben solche Studien immer nur ergeben, dass ich statistisch nicht genügend zwischen beiden Gruppen unterscheiden kann.

    2. Ob es gar keine Studien dieser Art gibt ist eine sehr weitreichende Aussage. Ich kenne zumindest keine Studien, wo das Thema wäre (und es passt auch nicht in die Systematik von solchen Studien).

    3. Ja, für Reiki ein Placebo zu finden, gegen das man testen kann, ist wirklich schwierig. Das wird von manchen Autoren auch eingeräumt.

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