Barbara Simonsohn: Reiki für Fortgeschrittene

Goldmann, München 2005, 478 Seiten, 8,95 Euro
gekürzt veröffentlicht im Reiki-Magazin Nr. 1/2006


simonsohn2 Mit ihrem ersten Buch "Das authentische Reiki" hat Barbara Simonsohn als Vertreterin des Radiance-Stiles bereits ein Werk verfasst, das ich als "eine echte Bereicherung des Reiki-Büchermarktes" betrachtet habe [1]. Der Titel ihres neuen Buches sowie der Klappentext lässt aufgrund des Verzichtes auf jegliche Radiance-Terminologie [2] vermuten, dass sich Frau Simonsohn entsprechend der allgemeinen Entwicklung in der Reiki-Szene ebenfalls weiter geöffnet und ein Buch für alle Reiki-Praktiker geschrieben hat.

Bereits ein Blick in die Gliederung belehrt eines Besseren. Es geht weiterhin um "das authentische Reiki", auch als "das wahre Reiki" bekannt, beides Begriffe, die ich hier aufgrund der in diesen Namen liegenden Abwertung aller anderen Reiki-Stile nicht weiter verwenden möchte, sondern vielmehr korrekt vom "Radiance-Stil" sprechen werde. Die für die Radiance-Vertreter so typische Hybris zieht sich – in deutlicher Steigerung zum ersten Werk – durch das gesamte Buch: "Gute Reiki-Lehrer, die ein Reiki vermitteln, das sich völlig deckt mit dem ursprünglichen Energiesystem, das ausschließlich universale Energie aktiviert und alle sieben Grade umfasst, sind selten. Viel zu selten." (S. 331) Dies legt nahe: Wer nicht das 7 Grade-System der Radiance lehrt, ist – aus Sicht der Autorin – kein guter Reiki-Lehrer. Dabei stellt das Radiance-System nach derzeitigem Wissensstand [3] eine Entwicklung von Dr. Barbara Ray dar und hat mit den Stilen, die Mikao Usui, Chujiro Hayashi und Hawayo Takata praktiziert haben, formal wenig zu tun, kann also auch nicht grade als "ursprüngliches Energiesystem" bezeichnet werden.

Leider zeigt sich der Titel "Reiki für Fortgeschrittene" auch in einem weiteren Sinn als unpassend: zum einen wiederholen sich zahlreiche Informationen aus dem ersten Buch der Autorin und manches – wie beispielsweise die Darstellung der Handpositionen – wendet sich klar an Einsteiger und Anfänger. Was dann wirklich über grundlegende Infos hinausgeht, hat meist gar nichts mit Reiki zu tun. Die Autorin schöpft stattdessen aus ihrem sonstigen Background und ihren Publikationen außerhalb von Reiki und verweist beispielsweise – noch ausgeprägter als in ihrem ersten Buch – auf Afa-Algen, biologische Ernährung oder die 5 Tibeter. Wer also darauf hoffen könnte, zusätzliche Reiki-Praktiken – beispielsweise im Kapitel "Vertiefungsübungen" – zu lernen, wird enttäuscht. Frau Simonsohn bringt außerdem das – zugegebenermaßen interessante – Wissen vieler spiritueller Lebensberater ein. Einen roten Faden bilden beispielsweise Neale Donald Walsch’s "Gespräche mit Gott" oder Werke von Eckart Tolle.

In anderen Punkten aber wurde mein Vertrauen in die Glaubwürdigkeit der Autorin bezüglich ihres korrekten Verständnisses anderer Autoren etwas erschüttert. So werden an einigen Stellen Forschungsergebnisse Frank Petters in nicht ganz korrekter Weise wiedergegeben. Im Zusammenhang mit der Verwendung des Begriffes "Meister" schreibt die Autorin z. B. unter dem Punkt "Warum ich mich nicht ‘Reiki-Meisterin’ nenne": "Bis Arjava Petter dann die Wahrheit ans Licht brachte: In Japan gibt es im Zusammenhang mit Reiki den Begriff ‘Meister’ gar nicht". (S. 50) Dabei übersieht Frau Simonsohn die Bezeichnung "Sensei", die durchaus mit "Meister" übersetzt werden kann, was in fernöstlichen Disziplinen ebenso üblich ist wie in der jahrehundertealten Lehrtradition des deutschen Handwerks.

Noch eklatanter wird es bei der Bezeichnung der Lebensregeln als "11. Irrtum". Nun stimmt es durchaus, dass kein Reiki-Praktizierender nach den Lebenregeln des Dr. Usui leben muss – schließlich sagt ihr gängiger Untertitel, dass es sich um "Empfehlungen für ein friedvolleres Leben" handelt. Doch der Kontext in den die Autorin dies setzt, negiert ihre Bedeutung. Als Begründung wird u.a. angegeben, sie stammten "nicht von Dr. Usui, sondern von seinem Zeitgenonsse, dem Meji-Kaiser. Das hat Frank Petter in Japan herausgefunden." (S. 48) Dabei verschweigt Frau Simonsohn, dass die Lebensregeln auf Mikao Usui zurückgehen und die Gedichte des Meji-Kaisers "nur" ein Inspirationsquelle darstellen. Zweitens verfälscht sie die Arbeit Arjava Petters durch diesen Kontext, da er ja gerade herausgefunden hat, welch große Bedeutung die Lebensregeln in der Lehre Usuis hatten. Und drittens widerspricht sie sich selbst, da sie an anderen Stellen des Buches den konstruktiven Umgang mit Ärger und Sorgen, Freude an der Arbeit (S. 256ff) oder die Betonung der Dankbarkeit als Schlüssel zum Glück (S. 239ff) betont.

Bleiben noch die vielen Erfahrungsberichte von Reiki-SchülerInnen zu nennen, die einen Großteil des umfangreiches Werkes ausmachen. Das einzig wirklich Neue sind die Seiten 318 bis 356, auf denen die höheren Grades des Radiance-Systems nebst weiteren Erfahrungsberichten erstmals ein wenig konkreter vorgestellt werden. Dabei zeigt sich, dass Radiance aufgrund der Unterteilung manch hoher Grade streng genommen ein 10-Grad-System ist. Erstmals lässt sich die Betonung der Zahl 7 als gewollter Zusammenhang mit den sieben Hauptchakren erkennen: "Jeder der sieben Grade […] aktiviert alle inneren Hauptenergiezentren mit einem Schwerpunkt auf dem jeweiligen Chakra." (S. 318)

Anhand dieser Seiten entsteht auch die Vermutung, dass der Einfluss des Radiance-Stiles auf Teile der freien Reiki-Lehrer-Szene noch größer ist als bislang angenommen. Denn im dritten Radiance-Grad lernen die Teilnehmer die Praxis der Fern-Einstimmung (vgl. S. 324). Während diese heutzutage via Internet verbreitete Praxis allerdings in der Regel nur an Menschen gegeben wird, die eine Fern-Einweihung wünschen, existiert bei Frau Simonsohn – im Gegensatz zu dem ständig wiederholten "Erleuchtung ist unser Geburtsrecht" (S. 192) – das Recht auf Selbstbestimmung eines Menschen nicht. Bereits Fern-Reiki wird ungefragt gesendet: "Wenn wir ausschließlich mit universaler Energie arbeiten, ist es unnötig, vor dem Energieausrichten die Erlaubnis des Betreffenden einzuholen." (S. 42) Aber es werden offenbar auch Menschen gegen ihren Willen in Reiki eingeweiht: "Wir müssen unsere Liebe auch auf die ausdehnen, die uns hassen […] Dazu wäre der Shanti-Gruß ideal, außerdem können Sie Einstimmungen oder Fernenergie schicken." (S. 248) Diese Missachtung grundlegender Menschenrechte erscheint mir persönlich als energetisch reichlich übergriffig [4].

Aufgrund der genannten Zusammenhänge dürfte dieses Werk, trotz der Qualitäten der Autorin und entgegen des Titels und günstigen Preises, nur für Praktizierende des Radiance-Systems interessant sein.

[1] siehe Reiki-Magazin Nr. 2/2002
[2] siehe Reiki-Magazin Nr. 4/2003 "Die Radiance Technik"
[3] vgl dazu S. 38: "Warum sie (Takata) einige dieser Lehrer nur für die ersten drei Grade ausgebildet hat und andere für alle sieben Grade, bleibt Frau Takatas Geheimnis."
[4] vgl. UN-Menschenrechte, Artikel 12 "Schutz vor willkürlichen Eingriffen in das Privatleben" und Artikel 18 "Recht auf Gedanken-, Gewissens- und Religionsfreiheit". Siehe http://www.un.org/Depts/german/grunddok/ar217a3.html.

 

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Dieser Artikel wurde verfasst von Frank Doerr

Intensive Reiki-Praxis seit 1993 und beständige Fortbildung. Seit 1998 Reiki-Meister der 6. Generation in der Linie Usui – Hayashi – Takata – Furumoto – Kindler. Von 1994 bis 2009 Mitarbeiter beim Reiki-Festival. 1996 Mitbegründer des Reiki Magazins und seitdem Redaktionsmitglied bzw. freier Mitarbeiter. Seit 1999 Chefredakteur von Reiki-land.de. Veranstalter der Reiki Convention (seit 2010) sowie Gründungsmitglied von ProReiki, dem Reiki Berufsverband. Publikationen: Die Reiki-Lebensregeln (Windpferd 2005), Das Reiki-Meister-Buch (Windpferd 2007). CD mit Merlin's Magic: Reiki-Elixier inkl. Booklet (Windpferd 2007).

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2 Antworten zu “Barbara Simonsohn: Reiki für Fortgeschrittene”
  1. Peter Fischer sagt:

    Ich habe dieses Buch mit großer Spannung gelesen und finde es eine Bereicherun auf dem diesem Sektor. Endlich mal jemand der nicht engstirnig irgendwelche von Menschen erdachten Vorschriften wie Aura-Ausstreichen, Mantren rezitieren und Verbote predigt.

    Das Buch ist klar und frisch geschrieben und sehr schön zu lesen!

    Ich kann es wärmstens empfehlen!

  2. Milli sagt:

    Hallo ihr lieben,
    das erste Buch fand ich ja noch ganz interessant, beim zweiten kam ich mir gelinde gesagt ziemlich verarscht vor.
    Der Großteil war einfach aus dem ersten Buch übernommen.
    Davon abgesehen stört mich das sie sich als die totale Überfrau darstellt.
    Mich persönlich hätte es mehr angesprochen wenn sie sich menschlicher dargestellt hätte.
    Lieben Gruß Milli

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