Bernard Lown: Die verlorene Kunst des Heilens

bernard-lown-die-verlorene-kunst-des-heilensSchattauer – Verlag für Medizin und Naturwissenschaften

Gebundene Ausgabe, 2012, 327 Seiten, 39,95 Euro
Im Internet gibt es Plattformen, auf denen Patienten die sie behandelnden Ärzte bewerten können. Für jeden Besucher sichtbar wird mitgeteilt, ob man zufrieden war. Auffallend bei Durchsicht solcher Mitteilungen ist: positive Bewertungen betonen immer wieder, dass der Arzt sich Zeit genommen und dem Patienten zugehört hat.

Genau darum geht es dem international anerkannten Kardiologen Bernard Lown; es ist zentrales Thema seines Buches „Die verlorene Kunst des Heilens.“ Bereits 1996 in den USA erschienen und 2002 erstmals in Deutschland veröffentlicht, ist dieses Buch heute aktueller denn je. Der 1921 im Baltikum geborene Lown ist als Arzt und Wissenschaftler in gewisser Hinsicht ein Pionier der modernen Medizin, wie wir sie heute kennen: zahlreiche Entdeckungen und Erfindungen, die er gemacht hat, sind nicht mehr aus der Herzmedizin wegzudenken. Es handelt sich um die Elektroschocktherapie des Herzflimmerns (die sogenannte Kardioversion) wie den von Lown entwickelten Gleichstrom-Defibrillator, der auch von medizinischen Laien bedient werden und so Leben retten kann. Lown hat den Einzug der modernen Technik in die Medizin begleitet und erlebt – und kritisiert sie dennoch, ja er missbilligt sie zuweilen. Weil sie einem Trend in der Medizin Vorschub leiste, der die kranken Menschen zum Objekt einer hochentwickelten Technologie degradiere. Diese sei zwar durchaus effektiv in der Diagnose zahlreicher Krankheiten, doch letztlich habe sie samt der mit ihr verbundenen Entwicklung dazu geführt, dass Ärzten die Autonomie genommen werde, selbst zu entscheiden, was für den Patienten gut sei. Außerdem sei das Gesundheitssystem „zu einem Mischmasch von körperrechtlichen Gütern“ verfremdet worden, „deren zentrales Anliegen es ist, die Profitabilität für Investoren von Wagniskapital so ertragreich wie möglich zu gestalten.“

In letzter Konsequenz verursache eine solcherart hochtechnologische Medizin mehr Kosten als sie einspare. Der international renommierte Herzchirurg und Friedensnobelpreisträger Bernard Lown wendet sich somit vehement gegen die wirtschaftlichen Zwänge, die aus Krankenhäusern Geldgruben machen sollen – zu Lasten aller dort Beschäftigten und der Patienten. Er weist darauf hin, dass diese Zwänge in letzter Konsequenz der Medizin als Kunst des Heilens schaden.

Leidenschaftlich ist der Ton seines Plädoyers, engagiert und berührend. Das Buch ist spannend wie ein Krimi und liest sich leicht und flüssig.

Lown plädiert für eine Kunst, die verlorengegangen scheint und die an den medizinischen Hochschulen nicht oder kaum gelehrt wird: die Kunst des Zuhörens. Er beschreibt, warum eine sorgfältige Anamnese samt körperlicher Untersuchung sehr wichtig für die Kunst des Heilens ist und weshalb sie letztlich sogar Zeit und Geld sparen hilft.

Lowns Buch, gespickt mit Erinnerungen und Erkenntnissen aus seiner klinischen Zeit, ist nicht nur ein Überblick über ein Kapitel der Geschichte der modernen Schulmedizin, sondern vor allem eins: ein Appell. Der Bogen ist in sechs Kapiteln weit gespannt in diesem Buch: er reicht bis hin zum angemessenen Umgang mit alten Menschen in allen Lebensbereichen, auch der Sexualität sowie der Konfrontation mit den Themen Sterben und Tod. Bernard Lown zeigt die Sprachlosigkeit der meisten Ärzte zu diesem Thema auf, dem gegenüber sie sich hilflos fühlen, weil sie nicht dafür ausgebildet worden seien. Dabei erzählt er, dass er selbst auch sprach- und hilflos war und wie sich das geändert hat. Außerdem plädiert Lown für ein würdevolles Sterben und begrüßt die Hospizbewegung.

Bernard Lowns Zielgruppe sind Medizinstudenten und praktizierende Ärzte. Doch ich meine, dass auch Patienten dieses Buch lesen sollten, damit sie erkennen, ob die Kommunikation mit ihrem Arzt stimmig und heilsam ist. Das bedeutet auch, als Patient für sich selbst Verantwortung zu übernehmen und sie nicht komplett abzugeben. Auch Heilpraktiker oder Reiki-Anbieter können von der Lektüre profitieren, weil sie ihnen Aspekte aufzeigen kann, an die sie möglicherweise gar nicht gedacht haben. Sie lehrt den Umgang mit den unterschiedlichsten Patienten und wie gelingende anteilnehmende Kommunikation aussehen kann und darf. Dabei verschweigt der Autor nicht, dass er selbst als Anfänger im Arztberuf Fehler gemacht hat, sogar gravierende. Doch er hat aus ihnen gelernt – und als Summe seiner Lebens- und Berufserfahrung dieses anrührende Buch geschrieben.

„Die verlorene Kunst des Heilens“ ist eine lesenswerte und lohnende Lektüre für alle an der Medizin Interessierten. Weil es immer wieder anschaulich beschreibt, wie eine gelungene und tragfähige Arzt-Patienten-Beziehung aussehen kann – und was beide dafür tun können.

 

Einschätzung der Redaktion: Sehr lesenswert!

Dieser Artikel wurde verfasst von Franziska Rudnick

Franziska Rudnick praktiziert seit 1996 Reiki und wurde 2010 in England zur Reiki-Meisterin eingeweiht. Franziska ist Redakteurin des Reiki-Magazins. Ihr Buch "Heilende Begegnung", das 12 unterschiedliche Geistheiler portraitiert, ist 2012 im Windpferd-Verlag erschienen.

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