Delnooz – Martinot: Reiki, die Berufung zum Heilen

Windpferd Verlag, Aitrang 2003, 220 Seiten, 19,90 Euro
Veröffentlicht im Reiki-Magazin Nr. 4/2004


delnooz Dieses Buch der niederländischen Therapeuten Fons Delnooz und Patricia Martinot geht meines Erachtens von einem eher esoterisch-dualen Verständnis der Arbeit mit der universellen Lebensenergie aus. Deshalb steht am Anfang eine Einführung über den nicht-physischen Körper und seine Bereiche wie Aura, Chakren und Lichtkörper sowie die Initiationen erläutert.

Dabei könnten laut Aussage der Autoren Faktoren wie das Karma des Einzuweihenden bzw. seine Ängste den Erfolg einer Initiation vermindern oder zur Gänze verhindern. Dementsprechend müsse ein guter Kanal auch gepflegt werden, da die Autoren der festen Überzeugung sind, dass er "verschlammen" kann. Deshalb geben sie den LeserInnen im Folgenden Ratschläge an die Hand, um den Kanal zu reinigen und seine Wahrnehmung zu intensivieren. Auch den Fluss von Reiki sehen sie durch den Geisteszustand bei Geber und Empfänger als beeinflussbar an. Nur eine neutrale Haltung des Therapeuten garantiere eine entsprechend erfolgreiche Anwendung.

Zu den "typischen Fehler von Reiki-Gebern" (S. 71) gehöre, dass manche Therapeuten es unterstützen, dass Klienten ihre Verantwortung an sie delegieren, oder die Auffassung, dass sexuell missbrauchte Menschen eher nicht direkt berührt werden sollten. Laut der speziellen Sicht der Autoren könnten Reiki-Geber allerdings durch Behandlungen erschöpft werden – also Energie verlieren oder durch Fremdenergie "kontaminiert" werden; was die Autoren zum Anlass nehmen, auf das Buch "Energetischer Schutz" von Fons Delnooz zu verweisen.

Die anschließende Frage nach der Reife für eine Initiation endet mit der für die heutige Zeit essenziellen Feststellung: "Manche Leute sammeln Initiationen wie Briefmarken. Ihnen geht es mehr ums Haben als ums Sein. Initiationen sind jedoch eine Brücke zwischen hier und Oben […] Wer sich initiieren lässt, um nach Oben zu flüchten, sollte sich fragen, wie sinnvoll das ist." (S. 81)

Auch das folgende Kapitel "Die Wahl des Reikimeisters" überzeugt anfangs durch profundes, sachlich wiedergegebenes Wissen. Bei der Liste der relevanten Gesichtspunkte wird dieser Eindruck leider Verbindung zwischen feinstofflichem und physischem Körper. Darauf aufbauend wird die Aufnahme von Chi sowie das Mysterium und die Wirkung von zerstört. Bereits die erste Aussage "Wer nicht heilen kann, ist kein Meister!" (S. 86) scheint mir in ihrer Totalität und dem ausschließlichen Fokus auf Therapie ziemlich daneben gegriffen. Indirekt empfehlen die Autoren dann auch hellsichtige und möglichst "reine" Meister.

Im Folgenden werden Ablauf und Inhalt der Reiki-Kurse vorgestellt, so wie Fons Delnooz und Patricia Martinot sie durchführen. Angenehmerweise sind sie sich bewusst, dass diese Kurse "unser eigenes, einmaliges Produkt, das Ergebnis unserer Stärken und Schwächen" sind (S. 89). Dabei arbeiten die Autoren mit Meditationen, Engeln und Lichtwesen und initiieren meist "einige Stunden ohne Pause" (S. 91). Sie bevorzugen das intuitive Geben von Reiki, was sie als "einfach" bezeichnen – eine Aussage, die ich in Frage stellen würde und die im Buch durch die sich anschließenden vielen Hinweise zur intuitiven Arbeit karikiert wird. Es folgen Tipps zum Arbeiten in der Aura, zahlreiche Sonderpositionen und Anwendungsmöglichkeiten.

Der zweite Grad, so wie er in dem Buch dargestellt wird, hat mit dem Usui-System, wie Hawayo Takata es in den Westen gebracht hat, nicht mehr viel zu tun. Die abgebildeten Symbole werden gedreht, gespiegelt und sind auch in ihrer inneren Abfolge verändert. Teilweise gibt es Widersprüche in der Erläuterung, und einige Wirkungsweisen der üblichen drei Symbole des zweiten Grades werden zusätzlichen Symbolen wie "Harth" oder "Johre" zugeschrieben. In den Erläuterungen zur Anwendung der Symbole zeigen sich die Autoren – wie auch an anderen Stellen im Buch – als verantwortungsbewusste und erfahrene Therapeuten.

Dann folgt das Kapitel über den Kurs in Reiki 3, wo es ebenfalls bald um zusätzliche Symbole und zusätzliche taoistische Energieübungen geht – auf eine Wiedergabe des Meistersymbols wird überraschenderweise verzichtet. Informationen zum Ritus der Einweihung betreffen weniger den konkreten Ablauf als vielmehr die innere Haltung des Meisters oder die Umgebung.

Der Rest des Buches ist der Entwicklung und den Grundlagen außersinnlicher Wahrnehmung gewidmet sowie speziellen, Reiki-fremden Initiationen, auf die bereits vorher an vielen Stellen und in manchen Übungen verwiesen wurde. Dabei geht es um die Yod-Initiation, die helfen soll, die Dualität zu überwinden, um die Melchisedek-Initiation, die mit der weißen Bruderschaft verbinden soll, und die transformatorische Kraft des violetten Feuers. Farbtafeln aller verwendeten Symbole, ein Literaturverzeichnis und eine Liste der vorgestellten Übungen runden das Buch ab.

Insgesamt ist dieses Werk sehr passend für die immer zahlreicher werdende Schar der Menschen, die Reiki mit Lichtarbeit verbinden wollen. Die achtsam vermittelten Erfahrungen der Autoren können vor allem für esoterisch ausgerichtete Therapeuten ein Gewinn und eine ethische Richtschnur sein. Auch aufgrund der zahlreichen kurzen und bildhaften Erfahrungsberichte stellt sich mir allerdings die Frage, ob die Verfasser wirklich das Usui-System kennen gelernt haben und korrekt darin eingeweiht worden sind. Doch sie vermitteln, dass sie ihre Form der Energiearbeit verantwortungsbewusst und zum größtmöglichen Nutzen ihrer Klienten durchführen. Und ist das nicht das Wichtigste?

 

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Dieser Artikel wurde verfasst von Frank Doerr

Intensive Reiki-Praxis seit 1993 und beständige Fortbildung. Seit 1998 Reiki-Meister der 6. Generation in der Linie Usui – Hayashi – Takata – Furumoto – Kindler. Gründer der Reiki Convention (seit 2010) sowie Gründungsmitglied von ProReiki, dem Reiki Berufsverband. Publikationen: Die Reiki-Lebensregeln (Windpferd 2005), Das Reiki-Meister-Buch (Windpferd 2007). CD mit Merlin’s Magic: Reiki-Elixier inkl. Booklet (Windpferd 2007).

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