Heiner Vogelei: Quo vadis, Reiki?

Das Usui-System im Lichte traditioneller Esoterik
Kautz-Verlag, 2000, BoD, 150 Seiten, 15,24 Euro
Veröffentlicht im Reiki-Magazin Nr. 4/2002


vogelei Im Jahr 1987 begann der Krankenpfleger Heiner Vogelei seinen Reiki-Weg, auf dem er seit 1992 als Lehrer weiterschreitet. Konzept und Betrachtungsweise dieses Buches basieren auf dem Blickwinkel traditioneller Esoterik, mit der sich der Autor seit 1976 beschäftigt. Bald darauf begann seine Mitgliedschaft im Alten Mystischen Orden vom Rosenkreuz.
Neben der Rekonstruktion der Usui-Historie durch alle zur Entstehungszeit dieses Buches verfügbaren Informationen will dieses Buch aufgrund seiner Ausrichtung zumindest teilweise eine vollkommen andere Sicht auf das Usui-System eröffnen.
Das erste Kapitel soll "Das Usui-System im Licht traditioneller Esoterik" zeigen. Exakte Formulierungen und Definitionen sind dem Autor ein Anliegen im esoterisch und mystischen Bereich, dem er das Usui-System zuordnet. Deshalb unterscheidet er zwischen der äußerlich festgelegten Form, die z.B. die Aufteilung in drei Grade und die Abläufe der Behandlung enthält und der inhaltlichen Form mit beispielsweise den Symbolen.
Zur Funktion der Einweihung schreibt Heiner Vogelei: "Außer der Abstimmung unseres feinstofflichen Energiekreislaufs wird in unserem Bewußtsein eine neue Form der Realität freigesetzt, nämlich die, die es uns ermöglicht, Lebensenergie zu übertragen. Was in ‚unserer‘ Wirklichkeit stattgefunden hat, ist ‚nur‘ eine Änderung in unserem Bewußtsein. Wir hatten schon immer die Möglichkeit diese Energie zu übertragen und mit ihr zu arbeiten. Da aber unsere Wirklichkeit dies nicht realisierte, war es uns nicht möglich, denn unser eigener Bewußtseinsinhalt definiert, was uns möglich ist und was nicht. Die Initiation setzt diese neue Information frei." (S. 19)
Dementsprechend ist aus seiner Sicht auch die Funktion der Symbole zu sehen: Sie erschließen unserem Bewußtsein Möglichkeiten, über die wir im Grunde längst verfügen. Deshalb warnt der Autor vor der Veränderung der Symbole oder Handlungsabläufe aufgrund der möglichen Auswirkungen auf der energetisch-spirituellen Ebene.
Heiner Vogelei ist der erste mir bekannte Autor, der ausdrücklich von fünf Reiki-Symbolen spricht und dem Reiki-Kanji seinen gebührenden Platz als "zentralstes Symbol des Usui-Systems" (S. 29) einräumt. Dabei vergleicht er die alte und neue Schreibweise dieses Symbols auf ihren Symbolgehalt und stellt fest, daß dem neuen Symbol eine ganze Informationsebene fehlt. Dies führt den Autor zu Parallelen in der Entwicklung der Reiki-Szene seit 1988: "Seit die spirituelle Ebene durch die Verwendung des neuen Symbols entfernt wurde, scheint es nur noch um rein materielle und wirtschaftliche Interessen zu gehen, die natürlich kaschiert werden." (S. 26)
Das zweite Kapitel "Das Usui-System im Licht seiner esoterischen Tradition" beginnt mit einer Analyse der Schriftzeichen der drei Grade sowie der Mantren des zweiten Grades. Dabei bewegt sich der Autor nahe an den Erkenntnissen von Fokke Brink, dessen Symbole-Workshop 1994 den Ausgangspunkt für die Suche des Autors nach den Ursprüngen und Hintergründen der Symbole des Usui-Systems bedeutete. Die dabei gewonnenen Erkenntnisse führen zu der Empfehlung: "Statt dem Usui-System ständig neue Teile anzuhängen, die gar nicht zu ihm gehören, sollten erst einmal alle Informationen, die in ihm stecken, entdeckt werden. Da dieser Weg aber – scheinbar – für viele Reiki-Meister zu beschwerlich ist, fügen sie lieber etwas Systemfremdes hinzu." (S. 47) Auch die folgenden Ausführungen zu den Lebensregeln und der Heilung im buddhistischen Kontext transportieren essentielle Anregungen für alle Reiki-Praktizierenden.
Das Herzstück des ganzen Buches stellt der Teil dar: "Wie Reiki in den Westen kam und was vom Reiki-System übrigblieb." (S. 61) Die neue Version der Reiki-Geschichte bringt den Autor zu dem Schluß: "Nach diesem Kapitel und den darin enthaltenen Informationen werden nun (hoffentlich) alle Reiki-Meister und Reiki-Meisterinnen, die sich an den unseligen Diskussionen über Stammlinien, Authentizitäten und ähnlichen Dingen vehement und aggressiv beteiligten, endlich erkennen, daß das ganze Streiten, Zanken, Zeter- und Mordiogeschrei umsonst gewesen ist, weil es um etwas ging, was keine der hier handelnden Parteien jemals hatte: Authentizität." (S. 74)
Jene Jahre der Auseinandersetzungen und der Suche nach dem "richtigen" Reiki haben dieses Werk stark geprägt. Die bis 1999 betriebene Lizensierung des Usui-Systems durch Phyllis Furumoto und das damals geplante Warenzeichen lassen den Autor fragen: "Wenn jeder Meister des Usui-Systems, der dieses Logo widerrechtlich nutzt, juristisch belangt wird, so ist die Frage, ob diesem Rechtsmodus auch die Meister der anderen Stammlinie unterliegen? Woher leitet Frau Furumoto, die sich nach den vorliegenden Fakten und Informationen höchstens die Großmeisterin (wenn es im Usui-System diesen Begriff jemals gab) der Usui-Hayashi-Takata-Stammlinie nennen kann, diese Rechte ab?" (S. 76)
Im Bewußtsein, dem Leser einiges zuzumuten, wendet sich Heiner Vogelei im Anschluß den "Schattenseiten der Energiearbeit" zu. Hier zeigt er auf, wieweit seiner Meinung nach abgeschlossene, energetisch saubere Räume und ein dementsprechender geistiger Zustand des Reiki-Meisters unabdingbar für korrekte Einweihungen sind. Beispiele zu Fällen, in denen Reiki-SchülerInnen durch unsaubere Einweihungen geschadet wurde oder auch durch zusätzliche Symbole energetische Hintertüren eingepflanzt wurden, sollen dieses illustrieren.
Deshalb kritisiert der Autor die Freigabe der Initiation von Reiki-Meistern durch Phyllis Furumoto im Jahr 1988 (zu diesem Sachverhalt siehe Reiki-Magazin, Ausgabe 3/01, S. 38). Seiner Meinung nach ist es aufgrund der Nichteinhaltung bestimmter vorbereitender Belehrungen und esoterischer Prinzipien vielen Reiki-Meistern nicht bekannt, wie energetische Eingangstore vor negativen Einflüssen zu schützen sind. "Die Freigabe der Meisterinitiation ist eindeutig die Ursache, die im weiteren Verlauf zum Reiki-Wildwuchs und am Ende zum Einzug destruktiver Energien in den westlichen Zwei des Usui-Systems führte." (S. 90), so daß "mittlerweile in der menschlichen Praxis des Usui-Systems nicht alle ‚weiß‘ ist." (S. 92)
Der letzte Teil des Buches zeigt "Das Usui-System im Lichte persönlicher Praxis". In Bild und Schrift werden erstmals in einem deutschsprachigen Buch sieben Behandlungspositionen, die Mikao Usui laut Traditional Japanese Reiki (Quelle: http://www.usui-do.org/) seine Schüler gelehrt haben soll, und sieben spirituelle Übungen vorgestellt. Ausführungen zu den esoterischen Grundlagen der Geistheilung und Fernbehandlung, zur Symbolarbeit und der Problematik von Affirmationen bringen wesentliche Aussagen zum zweiten Grad auf den Punkt. Ein persönliches Anliegen ist dem Autor im Folgenden die Sterbebegleitung mit Reiki, in der er aufgrund seiner langjährigen Tätigkeit als Krankenpfleger intensive Erfahrungen sammeln konnte.
Zum Schluß möchte der Autor mit dem Aufruf "Kyo Moto" (Zurück zu Quelle) den Weg zu einem Ost-West-System aufzeigen: "Ist es nicht an der Zeit, daß das System an sich und vor allen Dingen die Reiki-Energie und unsere Zusammenarbeit mit ihr wieder in den Mittelpunkt des handelnden Usui-Reiki-Ryoho gestellt wird?" (S. 134)
Dabei warnt der Autor sowohl vor einer Dogmatisierung des westlichen Usui-Systems – als die er die Definition des Usui-Systems durch Phyllis Furumoto und Paul Mitchell empfindet – als auch vor der schnellen Veränderung der eigenen Praxis aufgrund von Frank Petters Büchern. Hinsichtlich letzterem plädiert Heiner Vogelei für einen bedachtsamen Umgang mit diesen Informationen und der Berücksichtigung, daß diese aus einer anderen Zeit und Welt, nämlich dem Japan zu Anfang des letzten Jahrhunderts stammen. "Uns sollte bewußt sein, daß wir – jeder einzelne Reiki-Praktizierende und jeder einzelne Reiki-Meister – die Zukunft dieses Systems sind!" (S. 141) Und bevor das Buch mit dem Lebenslauf des Autors und Empfehlungen zu Büchern und Musik schließt, gibt der Autor seiner Hoffnung auf eine positive Zukunft Ausdruck, indem er sich Hawayo Takata anschließt mit den Worten: "Die Reiki-Energie sei Euer Lehrer!" (S. 142)

 

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Dieser Artikel wurde verfasst von Frank Doerr

Intensive Reiki-Praxis seit 1993 und beständige Fortbildung. Seit 1998 Reiki-Meister der 6. Generation in der Linie Usui – Hayashi – Takata – Furumoto – Kindler. Von 1994 bis 2009 Mitarbeiter beim Reiki-Festival. 1996 Mitbegründer des Reiki Magazins und seitdem Redaktionsmitglied bzw. freier Mitarbeiter. Seit 1999 Chefredakteur von Reiki-land.de. Veranstalter der Reiki Convention (seit 2010) sowie Gründungsmitglied von ProReiki, dem Reiki Berufsverband. Publikationen: Die Reiki-Lebensregeln (Windpferd 2005), Das Reiki-Meister-Buch (Windpferd 2007). CD mit Merlin's Magic: Reiki-Elixier inkl. Booklet (Windpferd 2007).

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